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Ausstellung zum Widerstand in Hamborn eröffnet

Ab Mittwoch, 3. Mai, wird die Ausstellung „Rotes Hamborn – Politischer Widerstand in Duisburg 1933–1945“ .in den Räumen des Kultur- und Stadthistorischen Museums (KSM) zu sehen sein.. Gemeinsam mit der Vereinigung der Verfolgten des Nazi-Regimes/Bund der Antifaschisten ( VVN/BdA) , dem Heimatverein Hamborn, Zeitzeugen und  Historikern, die sich zum Teil schon seit Jahrzehnten mit der Materie „Widerstand in Duisburg“ beschäftigen, wurde die Ausstellung erarbeitet.

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Dichterviertel

Das Dichterviertel – so benannt, weil bis auf ganz wenige Ausnahmen die Straßen in ihm Namen deutscher Dichter tragen – wurde von Thyssen für seine Bergarbeiter in der Zeit von 1900 – 1914 – etwa 10 % noch bis 1924 – gebaut. Wurde vor 1900 noch 1 /2geschossig gebaut und später wohl noch für Vorarbeiter und Steiger, so baute Thyssen nach 1900 im Dichterviertel vornehmlich 2 1/2geschossige wuchtige Mietkasernen auf für damalige Verhältnisse engem Raum. Noch bis zum Beginn des 1. Weltkrieges waren die alten Koloniestraßen nicht kanalisiert. Feste Straßendecken und Bürgersteige gab es selbstverständlich nicht. Zeitgenossen schreiben „…wuchtige rußgeschwärzte, jeglicher archetektonischen Feinheit oder Lebhaftigkeit bare, melan-cholisch stimmende Mietkasernen … ; im Sonnenlicht erscheint dieser Riesensteinblock fast wie eine Totenstadt, in der der unbarmherzige Lichtstrahl nur auf Elend trifft …“ oder „Die Häuserblocks schließen einen öden Hofram ein, auf dem nichts Grünes die Monotonie des Graus bedeckt“.

Die Hauseingänge liegen zu den Hofseiten. In den Höfen gab es parallel zu den Hausfronten Stallbauten mit Plumpsklos. Ziegen (Bergmannskühe), Schweine, Kaninchen und Federvieh waren uner-läßliche Nahrungslieferanten. Die Stallbauten wurden erst in den 50er Jahren abgerissen. Wenn man sich die Hausfassaden genauer betrachtet, wird man entdecken, daß durchaus unterschiedliche Fassadenmuster vorhanden sind. Feste Straßendecken, Bürgersteige und Baumreihen haben das Erscheinungsbild aufgebessert, wenn man dann noch sanierte Häuser sieht, muß man feststellen, daß sich viele noch fantasieloser gebaute Häuserblocks unserer Nachkriegszeit dahinter verstecken müssen.

Das Dichterviertel – früher auch Goethe- oder Schweinkolonie genannt – ist die größte zusammenhängende Arbeitersiedlung in Duisburg – größer als etwa die Neumühler Zechenhaussiedlung oder die Juppkolonie oder die Ostackerkolonie oder die Hornberger Rheinpreussen-Siedlung.

Heute unterteilt man das Dichterviertel am besten in 2 Teile:
1. Das Kerngebiet, das wir durchfahren, wird begrenzt von Duisburger Str., Nordfriedhof, Kalthoff- und Kampstr. Es umfaßt 25 unterschiedlich große Hofgevierte mit z. Z. ca. 2 000 Wohneinheiten, in denen rd. 5 000 Einwohner leben. Wie schon in den Anfängen ist der Ausländeranteil mit 50 % sehr hoch. waren es früher Polen, Kroaten, Italiener, Holländer u. a., die sich blockweise zusammenschlossen, so sind es heute Türken, bei denen die Tendenz zu Blockbildungen auch klar zutage tritt. Man kann es erkennen an den Innenhöfen. Wo wir schrebergartenähnliche Anlagen finden, herrschen deutsche Bewohner vor. Dieses Kerngebiet wird verwaltet von der Rhein-Lippe-Wohnstät-ten GmbH., einer RAG-Tochter.
2. Jenseits der Kalthoffstr. (östl. der Norbertuskirche) setzt sich das Dichterviertel fort, ohne den geschlossenen Charakter des Kerngebietes aufzuweisen. Starke Kriegseinwirkungen, Neu-und Privatbauten ergeben ein anderes Bild. Die Häuser dort werden von „Thyssen Bauen und Wohnen“ verwaltet.

Wir erreichen die Kurt-Spindler-Straße. An dieser Stelle müssen einige Anmerkungen zu den politischen Verhältnissen im Dichterviertel der 20er und 30er Jahre gemacht werden. Das Viertel war, wie alle ähnlichen Viertel des Ruhrpotts ein „rotes Viertel“, d. h. eine KPD-Bastion. In Hamborn wählten vor 1933 40 % KPD, im Dichterviertel 70 – 80 % – Ergebnisse, die die SPD heute hier erzielt – die NSDAP kam nicht über 10 %. „Tod dem Faschismus“ stand auf manchen Mauern der Kolonien. Der militante Antifaschismus hatte Tradition. Nach der November-Revolution 1918 äußerte er sich in großen Kundgebungen, Streikaktionen, bewaffneten Demonstrationszügen zu Nachbarzechen und 1920 beim KappPutsch im bewaffnetem Widerstand gegen Republikfeinde. Hamborn wurde als Spartakistennest bezeichnet.

Die Mehrheit der Hamborner Arbeiterschaft war auch später erstaunlich immun gegenüber der NS-Propaganda. Zwischen 1933 und 1945 gab es immer eine breite Opposition auf den Schachtanlagen und in den Kolonien. Das lag z. T. an den elenden soz. Verhält-nissen, die sich im 3. Reich nicht änderten, ja sogar zeitweise verschlechterten.

1932 machten die Nazis einen 1. Versuch, mit bewaffneter Formation ins Dichterviertel einzudringen. Die Arbeiter errichteten Barrikaden. Es kam zu schweren Auseinandersetzungen, und es gab Tote und Verletzte. Die Nazis hetzten gegen die Aktivitäten der antifaschistischen Bergleute in ihrer Lokalpresse. Die NS-Journalisten nannten die Nazi-Gegner „Mordbanditen und Antifa-Horden“ und drohten, diese „Unter-menschen mit Stumpf und Stiel auszurotten“. „Austilgen, ausmerzen, vernichten, zerstampfen, zerschmettern“ u. ä. gehörten zu ihrem Sprachrepertoire.
Als Hitler 1933 Reichskanzler wurde, zogen alkoholisierte SA-Truppen mit Pistolen, Totschlägern und Schlagringen ins Dichterviertel. Sie schössen in Fenster und schlugen Leute in Arbeiterkleidung nieder, Wohnungen wurden geplündert – Raub und Mord von der Polizei nicht verhindert. In den Hamborner Bergmannsvierteln war die organisierte Untergrundtätigkeit der KPD so stark, daß die Gestapo den Sitz der illegalen Bezirksleitung des Ruhrgebiets hier vermutete.
Groß war die Menge des verteilten Materials. Ein „Literaturobmann“ erhielt z. B. bei einem einzigen Treff am Hamborner Bhf. 5 000 illegale Schriften. Die Organisation war weit verzweigt. In Hamborn allein arbeiteten etwa 100 kommunistische 5er Gruppen. Der Apparat ging 1934 hoch, entstand aber trotz Massenverhaftungen neu.
Motor der neu gebildeten Widerstandsgruppe war der Kohlenhauer Kurt Spindler. Er wohnte auf der Kleiststr., wo seine Witwe heute noch hoch betagt lebt. K. Spindler war als Betriebsrat und Streik-führer 1931 auf Schacht 4/8 entlassen und nach Folterungen zusammen mit seinem Bruder Alfred, der Betriebsratsvorsitzender auf Z. Neumühl + MdL war, ins Moorlager deportiert worden.
Kurt Spindler war KPD-Stadtverordneter in Hamborn. Nach seiner Entlassung aus dem Moorlager baute K. Spindler einen Bergarbeiter-Widerstandskreis auf, der ab 1934 in den Kolonien und Zechen bis Wesel agierte. Die Illegalen trafen sich heimlich im Jubiläumshain, am Schlachthof und auf dem Altmarkt u. a. Orten. In einer von mehreren Verhaftungs-wellen der Gestapo in der Bergmannssiedlung fiel auch K. Spindler 1935 in die Hände der Nazis. Es gab zwischen 1935 und 1937 mehrere große Bergarbeiterprozesse; in einem wurde auch Kurt Spindler abgeurteilt. Er verhungerte 1943 in einem KZ bei Celle.
Nach ihm ist diese Straße benannt, die ursprünglich Heinrich-Heine-, im 3. Reich Georg-Fock-Straße hieß. (Modernisierung – vgl. Rhein-Lippe Angaben)

Kostgänger
Die Werkswohnungen mußten für damalige Verhältnisse dann als recht komfortabel angesehen werden, wenn sie nur von 4 – 5köpfigen Fa-milien bewohnt wurden. Das war fast nie der Fall. Einmal waren die Familien durch Kinderreichtum wesentlich größer als heute, zum „ anderen konnte nicht so schnell wohnraum geschaffen werden, wie Arbeitskräfte – vornehmlich alleinstehende junge Männer – zuströmten Diese Zuwanderer fanden Unterschlupf als Untermieter, Schlaf- und Kostgänger. Ihre Abgaben füllten den schmalen Haushaltetat der Familien und Hauptmieter auf. Relativer Höhepunkt des Kostgänger-wesens war das Jahr 1905 als 2 400 Familien durchschnittlich je 5 Kostgänger hielten; 1910 waren es 3 100 Familien mit durchschnitt-lich 3 Kostgängern. Man unterschied „halbe Kost“, „volle Kost“ und inoffiziell „volle Kost voll“

Geschrieben von Horst Nattkamp im Jahre ? ,
freundlicherweise überlassen von Wulf Nattkamp im April 2008

Neumühl-Prozess

Sie wissen genauso gut wie wir, daß Feste allzu häufig nach dem üblichen Schema ablaufen: zunächst beklemmende Anfangsstimmung, etwas steif und förmlich. Dann mit zunehmendem Alkoholkonsum lockern sich die Zungen und die Glieder; es wird getanzt. Dann plötzlicher Stimmungabfall, es wird noch ein wenig geschwätzt und gealbert, bevor man schließlich nach Hause geht.

Für die normalen Besucher gibt es kaum Möglichkeiten sich gestalterisch, aktiv am Ablauf des Festes zu beteiligen. Vir wollten es einmal anders versuchen, die Bedingungen dazu waren denkbar günstig: Anlaß dieser ganzen Überlegungen war der bevorstehende Abriß des Hauses, in dem Helmut und Herbert Stockhecke aufgewachsen und über 20 Jahre gelebt hatten. Eine Kette von Erlebnissen und Erinnerungen verbanden sich mit diesem Haus: hier in Neumühl haben wir uns in der Freizeit häufig getroffen. Hier hatten viele zum ersten Mal das Gefühl sich außerhalb des Elternhauses frei bewegen zu können. Viele von uns gingen in diesem Haus aus und ein, erlebten Feten, Streit, Diskussionen, Liebe und Spaß. Jetzt sollte das Haus abgerissen werden – eine letzte Gelegenheit mit all diesen Leuten ein letztes Fest zu feiern.

Die Wohnungen waren bereits geräumt und damit bestand die einmalige Chance die Wände zu bemalen, nicht auf Zigarettenasche achten zu müssen, sich austoben zu können. Und damit dieses Fest nicht in dem üblichen, gerade beschriebenen Schema abläuft, planten wir viele Aktionen. Wir besorgten Farbe, Pinsel, Federbetten, Blätter, Weihnachtsdekorationen, Kleider und Anzüge. Wir konstruierten eine Schaummaschine, die während der Fete ständig Schaum produzieren sollte. In einem Raum legten wir alte Klamotten aus, so daß alle die Möglichkeit hatten sich zu verkleiden. In einem anderen Zim-mer war der Boden mit Federn bedeckt.

Wir richteten einen „Radioaktivraum“ ein, in dem während des Festes durch brennende Wunderkerzen ein radioaktiver Unfall demonstriert werden sollte. Den Flur gestalteten wir wie eine Herbstlandschaft mit Blättern, Bäumen, Regenschirmen, Büschen…

Als Zeichen der Trauer über den bevorstehenden Abriß hängten wir eine schwarze Fahne aus dem Fenster, wie es in Neumühl beim Zechenabriß Tradition war. Es hat riesigen Spaß gemacht das alles vorzubereiten, noch größeres Vergnügen entstand, als die ersten erschienen und den Mund vor lauter Staunen nicht mehr zu bekamen.

Bevor wir jetzt mit der Beschreibung der Fete beginnen, wollen wir noch etwas zu den eingeladenen Personen sagen: Angesprochen war unser gesamter Bekanntenkreis, der sich aus unserer Vergangenheit (Schule, Ausbildung) und unserem Engagement im Esch-Haus, in der Bürgerinitiative gegen Atomanlagen, im Frauenzentrum, in der Selbsthilfe der Zivildienstleistenden und anderen Gruppen zusammensetzt.

in : Dokumentation zum Neumühl-Prozess (1979)

Tagelöhnerhäuschen

In einem der stockalten Tagelöhnershäuschen wohnte sie, die Mutter Sweda. Galizien war ihre Heimat. Von dort war sie mit Kindern und Kindeskindern einem Industrieagenten gefolgt und in jenes rauchgeschwärzte Häuschen eingezogen. Sie hatte ihre sechs Töchter, mit Ausnahme der Jüngsten, alle verheiratet. Drei ihrer Töchter zogen 1910 nach Amerika, die vierte zog nach Gelsenkirchen, die fünfte starb an der Ruhr, der Schwiegersohn heiratete bald eine Polin und zog nach Posen. Der elterliche Bauernhof bei Lemberg brannte ab, die Eltern verarmten und gingen wieder tagelöhnern.

Schreiben konnten sie nicht, und so blieben die Nachrichten aus. Die Briefe aus Amerika kamen auch nicht häufig, und Mutter Sweda hatte Sorgen und Gedanken genug. Ihren Mann packte die Altersschwäche, er verblödete zusehends. Seine Altersrente reichte nicht für den Haushalt. Na, sie schaffte eben für zwei. Sie ging aus waschen, hatte Garten und Stall, suchte sich Brennholz und Kohlen mit unermüdlichem Fleiß. Kein Nagel oder Holzstückchen, das sie nicht aufnahm. Sie schnitt sich selbst ein Tragholz, machte sich Riemen daran und trug so mit steifen Schultern die schweren Eimer Küchenabfall zusammen. Mutter Sweda verstand etwas von der Schweinezucht. Die fetten Tiere wurden an den Metzger verkauft, und der Erlös brachte Decken, hier und da ein Stück Möbel, warme Kleider usw. ins Haus. Aber es ging doch nicht nach Mutter Swedas Willen.

Sie war und blieb arm, ihre Kinder schrieben kaum, keines schickte ihr eine Unterstützung, der alte Mann brauchte viel mühsame Pflege, und ihre Jüngste war schmal und schwächlich. Mit einer wirklichen Pferdenatur gab sich die tapfere Alte ihren Pflichten hin. Munter war sie immer, und wenn ihr auch die Mühseligkeitstropfen wie Tränen über die Backen rollten. Ihr Wort und Witz waren derbe, aber mit den Schlechtigkeiten so mancher Frauen wollte sie nichts zu tun haben. »Müßt´ sich ja mein´Mutter vor mir schämen!« pflegte sie stolz zu sagen, oder: »Döß hob ich gar nicht netig!« Sie litt es auch nicht, daß ihre Jüngste auf die Fabrik ging. Nein, die Gisa sollte nähen lernen. Um Kundschaft sorgte sich die alte Frau nicht, die würde sich schon einstellen. Drei Lehrjahre, nein, das ging nicht. Das Nähen mußte sich auch in einem Jahre lernen lassen, höchstens dann noch ein Zuschneidekurs.

So wurde es gemacht. Vom 16. bis 17. Jahre saß Gisela in der Nähstube. Sie blieb bleich und schmal dabei. Es ging ihr genug schönes Zeug durch die Finger, um Appetit danach zu bekommen, die Modeblätter, der Spiegel und die flotte Phantasie machten das Übrige. Die erste Folge war, daß Gisa sich selbst schick kleidete. Sie bekam Geschmack an besseren Tagen und Blick für Männer. Als das Lehrjahr um war, kaufte Mutter Sweda eine Nähmaschine auf Teilzahlung und suchte Kundschaft für ihre Tochter. Aber da stieß sie auf Widerstand. Eine Näherin von 17 Jahren mit nur einem einzigen Lehrjahre konnte nichts Besonderes leisten, urteilten die Vorsichtigen, und so begann Gisa ihre Tätigkeit als Hausnäherin. Das geringe Einkommen, die Kost außer dem Hause, das lange Ausbleiben am Abend gefielen der Mutter nicht. Gisa aber umso besser.

Eines Tages kam sie mit dem Unglück nach Hause. Frau Sweda war außer sich. Gisa erhielt eine schwere Tracht Prügel, der arme, alte Blödsinnige kroch scheu hinter den Ofen. Alle Aufregung, aller Ärger, alle Wut machten das Geschehene nicht ungeschehen, und schließlich schickte sich die verhärmte, alte Frau mit verbissener Miene. Von dem Tage an, da ihre Jüngste mit der Schande heimkam, war sie verbittert. Sie begann zu hassen. All ihre Tage waren schwer von Armut und Enttäuschungen, die Kinder hatten sie verlassen und vergessen, keine Menschenseele sorgte sich um sie, ihre Jüngste hatte sich an die Liederlichkeit verkauft aus lauter Leichtsinn, es war einfach zu viel. Und darum haßte sie aus lauter, bitterer Ohnmacht.

Im Anfang des Krieges starb der arme Blödsinnige. Niemand weinte ihm eine Träne nach. Er wurde auf Kosten der Armenverwaltung begraben. Nun, an seine Stelle rückte der unwillkommene Enkel. Erst die monatelange Pflege des strammen Kleinen milderte den herben Sinn der Großmutter. Als der Kleine ein halbes Jahr alt war, wollte Gisa ihn abgeben gegen Geld. Das aber litt Frau Sweda nicht. Sie raffte sich noch einmal auf und sprach durch. 1917 kam Gisa mit gefangenen Russen in Berührung, verlor sich an einen schlanken, wilden Steppensohn und machte sich mit ihm dadurch.

Frau Sweda alarmierte die Polizei. In Breslau wurden die beiden Flüchtlinge festgenommen, und Gisa wurde heimtransportiert. Apathisch ertrug sie die Prügel der Mutter und begann wieder zu nähen. Bevor der Waffenstillstand kam, gab sie einem Sohne ihres Russen das Leben. Mit Friedensschluß stellte sich der Russe ein und wollte sie heiraten. Die amtliche Trauung konnte nicht erfolgen, weil die Papiere ausblieben. So heirateten sie unter sich, und er führte den bekannten Titel Kostgänger, Bis eines Tages amtliche Nachforschungen feststellten, daß ihr Bräutigam daheim in Rußland bereits eine Frau und ein Haus voll Kinder besaß. Er leugnete alles ab, war aber am nächsten Tage spurlos verschwunden.

Frau Sweda tobte und schimpfte nicht mehr. Sie sagte auch nichts, als Gisa Nacht für Nacht außer Hause war und alle Sonntage zum Ball ging. Selbst gute Nachrichten aus Amerika machten sie nicht mehr frisch. Sie war am Ende. Eines Abends, als sie die vaterlosen Söhnchen ihrer Tochter zu Bett gebracht und ihnen mit dem harten Daumen nach alter Sitte ein Kreuzchen auf die Stirne gemalt hatte, sank sie um und durfte das müde, müde Leben abstreifen. Man fand sie lächelnden Mundes mit gefalteten Händen. Gisa riß sich die Haare aus, als sie heimkam. Im Verlieren dämmerte ihr jäh der Wert der Mutter. Schnell besorgte sie sich Trauerkleidung und Trauerschleier. Etwas von der früheren Energie der toten Mutter kam über sie. Nun geht sie eilends und zielbewußt ihre Wege, vergißt aber nie, jeden Schaufensterspiegel zu fragen, wie ihr der lange, schwarze Schleier steht…

Heinrich Kautz , 1926

Die „Versuche zur Seelenkunde der Industriejugend“ von Heinrich Kautz erschienen 1926 unter dem Titel „Im Schatten der Schlote“ in der Verlagsanstalt Benziger & Co, Einsiedeln

Entschuldigungszettelchen

Alle Samstage fehlte der Zwölfjährige. Die Entschuldigungszettelchen kamen bald mit diesem, bald mit jenem Grunde heran. Einmal war es Krankheit der Mutter, ein andermal mußte sie junge Schweine kaufen gehen, mußte verreisen, war bei Verwandten pflegen, die Großmutter war gekommen aus Posen, der Kleinste hatte Krätze bekommen usw. Als alle erdenkbaren Entschuldigungen hergehalten hatten, kam auch einmal die Wahrheit dran. Da hieß es: »Ich mußte putzen!«

Juppi hieß er, war körperlich zurückgeblieben, klein und schmal wie ein Neunjähriger, lief fast das ganze Jahr hindurch barfuß und war ein sehr heller, sinniger Kopf. Er sang wie eine Lerche, konnte außergewöhnlich gut vortragen, las wie ein Dichter und verstand die Lüge und Mimik wie ein berufsmäßiger Bettler. Seine Lehrer hatten ihn durchweg nicht verstanden, darum haßte er sie mit Pfiffigkeit. Die Lehrer konnten ihn nicht verstehen, was wußten sie denn von seinem Aschenbrödelleben, seiner Pflicht, Montags zu waschen und Samstags das Haus zu putzen, die kleinen Kinder zu baden und mit groben Stichen ihre Strümpfe zusammen zu ziehen ?

Die Mutter schlief lange, machte sich fein, brannte sich die fettigen Haare, stemmte die Arme in die Seite und sprach mit den Männern und Frauen der Nachbarschaft über Regierung, Frauenwahlrecht, Kapitalismus, Sozialisierung usw. Juppi hörte das zu oft. Wo in der Schule die Weisheit seiner Mutter vor den graden Lehrsätzen der Religion wie Seifenblasen zerplatzte, da wagte er manchmal eine kluge Frage. Wo in Geschichte oder Geographie irgend eine Erfahrung die sozialistische Professur seiner Mutter ins Wanken brachte, da erkundigte er sich genauer. Seine Zweifel an der historischen Existenz Christi kleidete er einmal in die Worte: »Herr Lehrer, kann man nicht Ausgrabungen machen in Jerusalem und in Kapharnaum, um Erinnerungen an Jesus zu finden? Ich habe in der Zeitung gelesen, was in der Bibel stände, wäre nur so zusammen geschrieben?«

So fiel Juppi stets auf. Viele nannten ihn altklug, vorwitzig, naseweis. In Wirklichkeit aber wagte der Junge mit hellem Sinn eine Stichprobe auf die Beschlagenheit seiner Lehrer. Der weiß viel, der weiß nichts, der liest ab, der ist froh, daß er hauen darf — das waren seine freimütigen Urteile.

Alles wäre im Geleise geblieben, wenn Juppi nicht allzu oft in der Versäumnisliste gestanden hätte. Das gab trotz des Krieges und der lockeren Büroführung ein Gerichtsverfahren. Der Vater, bereits im Äußeren der Typ einer gesunkenen Existenz, vertrat seine Sache vor dem Richter frank und frei. Er verlor wegen überführter Schuld. Dann griff er zur Rache. Von Haus zu Haus pilgerte er mit seinen Verdächtigungen gegen die Lehrer, und als zu Ostern das Zeugnis seines Juppi ungünstig ausfiel, richtete er mit Hilfe der Partei-Rechts-beratung eine Beschwerde um die andere an die Behörden, schließlich an den Minister. Natürlich umsonst. In der Zeit der Revolution war der struppig-ruppige Mann oben drauf. Er saß im hohen Rat, verteilte Fett für den Betriebsrat und wartet heute auf die Sowjetregierung in Deutschland. Seine Frau ebenso.

Über ihre Heimat schweigen die beiden. Verwandte haben sie rundum nicht. Freunde auch nicht. Rechthaberei und Streitsucht hüllt sie ein. Alle Nachbarn schließen die Häuser zu vor Juppis Mutter, die ewig alles leihen geht und nichts wiederbringt. Ihre drei Kleinen verkommen fast im Schmutz. Käme nicht Juppi manchmal heim mit vollen Taschen und einem barmherzigen Bruderherzen, dann wäre es noch trauriger. Er dient in einer Gemüsehandlung, zieht mit auf den Markt und hat früh frei. Andere Arbeit ließ sich für ihn wegen seiner geringen Größe und Kraft nicht finden. Nun steht er Tag um Tag am Stand, wiegt, rechnet, schreit mit seiner schönen Stimme die Waren aus und macht »ausverkauft«, Seine Herrin bettelt er um Obst oder Südfrüchte für die Kleinen an daheim.

Sie gibt Juppi nicht karg, und der eilt stets flink nach Hause, spielt mit den Kindern, füttert und wäscht sie, besorgt sie zu Bett, spült, räumt auf, kocht sich etwas und liest dann Zeitung. Natürlich Parteipresse. So liest er alle Tage, wartend, bis der Vater brummend und angetrunken hereinstolpert, oder die Mutter mit heißen Wangen von ihren Debatten sich ins Zimmer schleicht, und wer weiß wie geschäftig rumort und redet. Und Juppi sieht, daß das Leben daheim in nichts dem ruhigen, trauten Heim der Romane und Filme gleicht, und beginnt, seine Luftschlösser zu bauen und von jemand zu träumen, der ihn erlöst aus seiner Wildnis. Zum Schluß, wenn der Vater bereits schnarcht, erzählt ihm die Mutter von ihren neuen politischen Einsichten, ihrer Tätigkeit in Diskussionen, ihrem Rednertalent und von Polen und Rußland.

»Juppi,« sagt sie dann allemal, »möchtest du nicht dahin und Offizier werden oder Magazinverwalter?« Der kluge Bursche sieht ihr ruhig ins flackrige Auge und sagt kühn: »Gewiß Mutter, aber erst haben ein Gewehr und dann schießen. Du und der Vater habt ja den Lohn allein nötig, ihr trinkt ja, ihr zwei. Laß man!« Und dann kriecht er in sein schmutziges, übelriechendes Bett. Und träumt dann doch von Polen und Rußland, von Offizier und Magazinverwalter, von Kraft, Größe und Ruhm.

Die „Versuche zur Seelenkunde der Industriejugend“ von Heinrich Kautz erschienen 1926 unter dem Titel „Im Schatten der Schlote“ in der Verlagsanstalt Benziger & Co, Einsiedeln

Mutter Krügers große Familie

Wenig beliebt und doch allbekannt in den Kolonien war Mutter Krügers große Familie. Mutter Krüger war in einem armen Eifeldorf geboren, wanderte mit den Eltern ins Saar-Gebiet, wuchs im Saarkohlengebiet als echtes Bergmannskind auf, heiratete später, d. h. mit 18 Jahren einen Landsmann aus der Eifel, der auch Bergmann war, und verlor ihn, ehe ihr drittes Kind ins Leben trat.

Mutter Krüger kaufte sich damals vom Unfallgeld ein schwarzes Kopftuch mit dicken Seidenfransen. Mit dem ersten schweren Unglück erwachte in ihr der Lebenstrutz der Eifel, sie tat allen städtischen Flitter ab, legte die Häkelnadel und den falschen Zopf ganz hinten in die oberste Kommodenlade und begann zu schaffen. Vorerst mußte sie oft fragen, mußte manchmal ein Mißlingen in den Kauf nehmen, aber dann gedieh alles im kleinen Garten und im Stall. Sie ging nicht mehr zum Ball, sie ging nicht mehr zu Hochzeiten, sie sorgte sich um ihre drei Waisen. Notgedrungen nahm sie zwei Kostgänger ins Haus.

Weil sie aber weder Wirtschaften noch Kochen und Flicken gelernt hatte, geriet sie trotz aller Anstrengung in Borgschulden und wußte eines Tages keinen Rat mehr. Sie entdeckte ihren Kummer dem einen ihrer Kostgänger, der aus Trier stammte. Er lieh ihr Geld und bot ihr die Ehe an. »Ich alte Frau soll noch mal heiraten ?« jammerte sie in sich hinein und dachte an ihre schlechten Zähne, ihre dünnen Haare und ihren verschlissenen Staat. Aber dann dachte sie auch an ihre müden Arme, ihre bleichen Kinder, ihre einsamen Tage und namentlich an den entsetzlichen Klatsch der Kolonie…

Und Mutter Krüger sagte dem Trierer zu und heiratete ihn nach acht Wochen. Der zweite Kostgänger zog aus. Sie bekam eine Abfindungssumme von 500 Mark von der Unfallversicherung. Von diesem Geld bezahlte sie ein Fäßchen Bier, die großen Streuselkuchen, den Hochzeitsschinken und ihren neuen Staat. Das Einleben ging ziemlich schnell vor sich. Die Kinder bekamen besseres Essen und sie selbst auch. Ihr Mann war fleißig und machte allwöchentlich seine Überschichten.

Nach etlichen Jahren — es kamen unterdessen vier Kinder an — stellte sich Blutspucken bei dem fleißigen Manne ein. Er kam zur Erholung fort in ein Bergmannsheim, genas aber nicht mehr. Ein Blutsturz folgte dem ändern. Bald lag er im Krankenhaus, bald verlangte er nach Hause. Mutter Krüger-Bilz pflegte ihren Mann, so gut sie es vermochte. Es war eine furchtbare Zeit. Das Kassengeld floß meist dem Krankenhause zu. Die kassenärztliche Behandlung war rauh und teilnahmslos» für einen Privatarzt reichten die Mittel nicht aus, und so ging es immer tiefer ins Elend und in die Schulden hinein.

Der Kranke hatte nur noch verbitterte und verärgerte Worte im Munde, die Kinder wuchsen ohne die rechte Zucht heran. Wohl half die Älteste der Mutter schon tüchtig in Haus und Stall, die beiden großen Jungens aber waren für keine Arbeit zu haben. Sie lagen am liebsten bäuchlings im Grase und lasen Räubergeschichten oder spielten Indianer. Sie hießen Hannes und Köbes. Beide wurden nach der Schulzeit Grubenarbeiter. Hannes verschwand eines Tages mit einem Trupp Zirkusleute. Köbes, der weinerliche Junge, blieb lieber daheim bei der Mutter. Als kurz nach dem Ausreißen des Hannes der zweite Vater starb, da war Köbes der Mutter ein und alles. Lina war das Aschenbrödel, Köbes der altkluge Hausvater, und Mutter Krüger-Bilz ließ sich von diesen beiden Kindern regieren.

Und wieder gab es eine Kostgängerwirtschaft. Aber ohne Glück. Ein paarmal gingen die Kostgänger durch, ein andermal verschwanden sie und mit ihnen die Anzüge, Hemden usw. von Vater Bilz. Die Familie ging immer mehr zurück. Niemand wollte ihr borgen, Unfallrente gab es bei Vater Bilz Tode ja nicht, nur ein Sterbegeld, weiter nichts. Die kleinen Bilze wuchsen heran, schwächlich und ewig kränkelnd. Die englische Krankheit raste in den schwachen Gliedern. Es kostete unsägliche Mühe, diese Kinder groß zu ziehen. Mutter Krüger-Bilz hatte zwar ein Armenattest für den Arzt, aber die gleichgültige Behandlung durch den Armenarzt war ihr nicht genug.

Sie versuchte es mit Homöopathen, mit Naturheilmethoden und fuhr schließlich, als alles nicht helfen mochte, ins Westfälische hinein zu einem heilkundigen, alten Schulzen. Der untersuchte das Wasser der kleinen Dickbäuche mit den spindeldürren Armen und Beinen, besah sich die Augen der Kinder und meinte mitleidig: »Liebe Frau, da kann nur der Herrgott, die warme Sonne und allerbestes Essen helfen!« Ha, wie lachte Mutter Krüger-Bilz grell auf: »Und das alles soll eine arme Bergmannswitwe ohne Rente mit ihren eigenen dünnen Armen schaffen ?« Aber sie ließ sich doch raten. Sie nahm eine große Pulle Kräutersaft mit und tat, wie der weise Bauer geraten hatte.

Die Kinder bekamen einen heillosen Ausschlag, einen riesigen Hunger und brauchten mehr Pflege denn je. So kam es, daß die Mutter alle Gedanken auf die vier armseligen Kinderchen gerichtet hielt und wenig Obacht auf ihre Lina und deren Getue mit den Kostgängern hatte. Köbes wurde von ihr verhätschelt. Denn was sollte werden, wenn der Junge ihr nicht mehr die volle Lohntüte abgäbe? Doch eines Tages half auch hier das Hätscheln nicht mehr. Köbes Krüger hatte gekündigt, sich seinen ganzen Lohn herauszahlen lassen und war »abgehauen«. Die Alte griff sich in die grauen Haare und wußte nicht mehr ein noch aus. Um das Unglück voll zu machen, trat Lina eines Abends vor sie hin und erklärte, heiraten zu wollen. Sie hatte sich mit einem der Kostgänger eingelassen und stand vor der Schande. Fast willenlos sagte die enttäuschte Frau zu und half für die Hochzeit rüsten. Sie teilte von ihrem Hausrat der Tochter das Nötigste zu und ging, von Sorgen gebeugt und -wankend, stumpf ihre Wege. Der Schwiegersohn aber bekam Mitleid mit ihr. Er hatte sich bald einen Plan zurecht gelegt. »Wir ziehen alle zusammen ins Ruhrrevier«, schlug er vor, »da gibt’s hohe Löhne, neue Häuser und neue Menschen!«

Gesagt, getan. Er reiste vor, ließ sich eine Doppelwohnung anweisen und besorgte den Transport. Die Übersiedlung ging glatt von statten. Aber dann: Sechs lange Wochen gab es kein Geld, der letzte Sparpfennig ging drauf, und das Leben war bitter schmal. Es war ein schwerer Anfang. Doch eins war gut dabei. Die Lina brauchte keine teure Hochzeit, und der Köbes stellte sich wieder ein. Er beschaffte sich gleich am selben Tage Arbeit und zog wieder zur Mutter. Die Stiefgeschwister wuchsen heran und halfen schon in Stall und Haus. Das Lernen allerdings machte ihnen unbeschreibliche Arbeit, und auch gesund wurden sie eigentlich nie. Es blieben schwächliche, blasse Menschen.

Eines Tages fand sich auch der Ausreißer Hannes zur Mutti. zurück. Er war ein Sonderling und seine Lieblingsarbeit das Tanzen lehren. Erst wankte er mit steifen Gliedern zu Schicht, nach der Schicht jedoch warf er sich in »Kluft«, zog stet eine weiße Weste an, streckte die rauhen Hände in knallgelbe Handschuhe und suchte dann seine Lokale auf, wo er zu de Weisen eines Grammophons den linkischen Industrielingen das Tanzbein-Schwingen beibrachte. Köbes betrachtete den Tanzlehrer als halb übergeschnappt. Lina zeigte mit dem Finger auf die Stirne, wenn sie von ihm sprach, und die Stiefgeschwister grinsten allemal dumm dazu.

Mutter Krüger-Bilz war halber zufrieden. Sie hatte alle ihre Kinder wieder zusammen und arbeitete ihre Tage hin. Morgens in aller Frühe ging sie z Kirche, Tag für Tag. Sie hatte den Weg zum Herrgott wieder gefunden in all den Tagen der Not. Zufrieden gingen ihre T£ zur Neige, ruhig und still. Bei Lina tobte eine Schar Kinder in der Küche, jedes Jahr eins mehr, und ihre eigene Stube W! immer leerer. Denn ein Kind nach dem anderen wurde flügge und suchte sich selbst einen Herd. Hannes, der Tanzlehrer blieb eingefleischter Junggeselle, Köbes dagegen heiratete. Weder er noch Lina hatten Glück mit den Kindern. Sie wuchsen ihnen über den Kopf und blieben allesamt unter der Tüchtig ihrer Eltern.

Linas Ältester war mit 16 Jahren bereits ein Tagedieb mit heimlichen Gewerben von solcher Beschlagenheit, daß weder die Polizei noch der gerissene Industriededektiv ihn fassen konnten. Drei ihrer Kinder litten an Krämpfen. Linas vier Geschwister, drei Jungens und ein Mädchen, sattelten zu den Radikalen über. Sie lachen über die alte Großmutter und die dumme Lina mit ihrem Kirchenlaufen, leben modern, kleiden sich flott, machen tolle Touren und bauen sich Sozialisierungspaläste.

Mutter Krüger-Bilz sah das alles kommen. Im Kriege ist sie gestorben. Heute ist sie in ihrer gesamten Familie vergessen. Nur Lina gedenkt ihrer oft, denn sie trägt bei allen Ausgängen jenes schwarze Kopftuch mit Seidenfransen, das sich die Mutter zur zweiten Hochzeit gekauft hatte. Für sich ist sie mit der Welt fertig. Sie arbeitet und arbeitet. Ihre Kinder aber lachen sie aus und gehen eigene Wege. Sie verloben und entloben sich, sie bummeln und simulieren, sie arbeiten in Haß und Verbitterung und warten auf das Reich der Zukunft unter der Sowjetfahne ….

Die „Versuche zur Seelenkunde der Industriejugend“ von Heinrich Kautz erschienen 1926 unter dem Titel „Im Schatten der Schlote“ in der Verlagsanstalt Benziger & Co, Einsiedeln

Ein Familienbild

Die alte Bergmannswitwe Seep kam vom Schachtbüro zurück. Ihr schwarzes Kopftuch rahmte das bräunliche Runzel gesteht mit dem ergrauten Haar noch recht munter ein. Sie stemmte beim Gehen die Linke auf die Hüfte und murmelte zufrieden vor sich her. Ihre Unternehmungslust hatte eben einen kühnen Griff getan. Nun waren ihre drei ältesten Jungens gekündigt, der Möbeltransport war eingerichtet und die Abwanderung abgemachte Sache.

Die Nachrichten aus der künftigen Heimat waren zu verlockend. Warum auch nicht einfach den Ort wechseln, wenn sich bessere Aussichten boten? Ihre beiden Töchter zogen ja mit. Es war nicht schwer gewesen, die Schwiegersöhne für ihren Plan zu gewinnen. So zog man mit der ganzen Sippe los…

Frau Seep war wegen ihrer Energie gut gelitten unter dem Arbeitervolk der Industrie an der deutsch-belgischen Grenze. Sie verstand durchzusprechen, vertrug einen derben Spaß und half gern bei Unglücken und Krankheitsfällen. Dreimal hatte sie Hochzeit gehabt, dreimal war sie unter den Klängen der Knappenkapelle einem Gatten zum Grabe gefolgt. Das Leben hatte ihr weder Leid noch Härte erspart. Sie kannte die Tage an der Seite eines Siechen, an der Hand eines Arbeitsscheuen und unter den Rohheiten eines Trunkenboldes. Aber dank ihrer robusten Gesundheit, ihrer nervigen Fäuste und ihrer blanken Zähne war alles gnädig an ihr vorbeigezogen. Sogar die erwachsenen Jungens respektierten sie in allen Dingen.

Nun galt es noch, bei einigen Bekannten Abschied zu nehmen, die Ummeldung zu machen und mit Sack und Pack sich auf die Bahn zu setzen. In einer halben Tagereise würde die neue Heimat erreicht sein, und dann konnte das neue Leben beginnen. Etwas wie ein müdes Weinen stieg der alten Frau in die Augen. So leise, ganz leise hob sich die Erinnerung von den grauen Straßensteinen und schlich ihr nach, zog ihre Gedanken hinüber zum Friedhof, wo die Eltern, die vier Kinderengelchen und die drei Männer ruhten.

Die Männer? Ja, Glück und schöne Tage hatte ihr keiner gebracht, und doch steckten ihre verwaschenen Hände diesen harten Seelen die Sterbekerze an, deckten den Versehaltar und dienten beim Sterben. Friedlich waren sie hinüber gegangen, zuletzt glücklich wie arme Kinder, denen plötzlich ein Christbaum leuchtet. Das war genug getan. Zu Allerseelen bekamen sie ihre Messe und Sonntags alle zusammen einen Rosenkranz. Damit ab.

Tränende Erinnerungen mochte Frau Seep nicht leiden. Deshalb schüttelte sie alle Gedanken ab und sang mit ihrer schaukelnden Stimme ein altes Schullied vor sich hin, während sie selbst zu diesem Kontrast verschämt lächeln mußte. Und dann bog sie von der Schachtstraße ab um die Ecke und klinkte Nachbars Tür auf.

Vierzehn Tage später stand Frau Seep in einem freundlichen Privathause innerhalb ihrer zwei Zimmer auf einem Stuhl und klopfte Bilder an. Ein vergilbter Brautkranz, ein Kruzifix unterm Bilderrahmen mit einer Spieluhr, etliche Photographien und ein paar große Reklamekalender in sentimentalem Kolorit zierten bereits die Wände. Es gefiel ihr in der neuen Heimat. Die Jungens verdienten gut. Die Wohnungen waren freundlich und sauber, die Hausleute gut. Sie war im Nu allen bekannt, die lustige, unverwüstliche alte Frau.

So lernte ich sie kennen. Anfangs rollte sie noch tapfer die Ärmel auf und verdiente sich am Waschbrett einen Groschen. Sie ging mit ihrer Tochter Neubauten putzen. Herbstputz in den riesigen Schulen halten und Kohlen suchen. Ihre Jungens gebrauchten viel und steckten nach der Schicht die Hände in die Taschen. Zum Lesen zu faul, für eine Lieblingsarbeit zu schwerfällig, nur aufgelegt für Juchhe und Leichtsinn, machten sie der alten Frau viel Verdruß.

Sie tranken, spielten Karten, verloren Wetten und verschlissen gar manches Paar Sohlen auf dem Tanzboden. Dann ging es zu einer Hochzeit, dann wurde ein Ausflug gemacht. Ein andermal lagerten sie sich in das büschelige Heidegras, holten sich einen Kasten Flaschenbier, eine Kiste Zigarren, eine Harmonika und vertrubelten den Tag.

Dann saß die alte Seep abseits, still für sich, in trüben Gedanken und holte ihren Nähkasten aus Mädchentagen heraus. Er war aus Zigarrenkistenholz geschnitzt und ein Andenken an ihres ersten Mannes Soldatenzeit. In diesem Kästchen verwahrte sie alle Photographien, Bildchen und allerlei Andenken. Zwei der Bildchen nahm sie besonders gern zur Hand. Sie waren von ihrer ältesten Tochter, die als Magd seit Jahrzehnten in einem großen Krankenhause diente. Die Bildchen zeigten sinnig-feine Papierschnitzerei.

Behutsam nahm die alte Frau das weiße Seidenbändchen, zog es sacht herunter und bewunderte das kleine Altärchen mit dem segnenden Jesuskinde. Ihre Jungens würden lachen, wenn sie daheim wären, dachte sie eben und wickelte das Bildchen sorgsam wieder ein. Lachen? Wo sie das nur her hatten ? Von ihr sicher nicht.

Es ging bergab mit ihren Jungens, auch mit den Schwiegersöhnen. Die Töchter klagten bitter darüber. Der Schnapsteufel verschlang jeden Sparpfennig und alle Vernunft. Von Herrgott und Sterben durfte sie nicht sprechen, wohl aber ein endloses Gezeter über die Pfaffen anhören. Thieß, der Älteste, wollte heiraten, aber ohne Kirche. Jan, der Jüngste, wanderte von einer Braut zur anderen. Alles gegen den Strich. Beide Töchter starben im Kindbett, sie mußte Waisenmutter spielen.

Gegenseitiges Sorgen gab es nicht. Jeder ging seinen Weg. Nur sie als Mutter verband die Familien.
Die Schwiegertöchter kamen von der Theke, hatten hübsche Grübchen in den Wangen und gebrannte Locken. Natürlich auch Löcher in den Strümpfen und keine Ahnung vom Haushalt. Frau Seeps Haar wurde weiß darüber und ihre Haltung gebrochen. Sie hatte ausgespielt. Ihr Wort galt nichts mehr. Die jungen Leute um sie herum wirtschafteten modern, ohne Gott, ohne Gebote, ohne Klugheit und Fleiß, ohne einen einzigen Gedanken über sich selbst hinaus. Wenn Kinder ankamen, mußte sie deren Taufe mit Bitten und Flehen durchsetzen. Zur Kirche gingen ihre Söhne nur mehr bei Beerdigungen ….
Es ging bergab. Auch mit Frau Seeps Gesundheit. Sie brauchte schon einen Spazierstock, um zu gehen. Ihre Hände welkten, ihre Augen verloschen. Sie konnte und wollte nicht mehr helfen und schaffen. In allen Familien ihrer Kinder herrschte Mißwirtschaft. Es wurde geborgt und auf Teilzahlung gekauft. Im Küchenschrank gab es nur Lohntags volle Bretter. Dann wurde drauf los gebraucht, bis nichts mehr da war. Und dann hüb das Schimpfen an: über die Reichen, die Kapitalisten, die Juden usw.
Ihr Ältester mußte eines Tages nach Belgien flüchten. Die Polizei suchte ihn wegen Falsch-münzerei und verbotenen Kartenspiels. Jan, der Jüngste, ging auch verdorbene Wege. Ihre Kinder würden kein gutes Ende nehmen, das war sicher.
Das war die Hefe in Frau Seeps bitterem Lebensbecher. Sie trank auch die Hefe in Gottes Namen und meinte tapfer zum Herrgott hinauf: »Gib du ihnen eine ordentliche Tracht drauf!« So ging sie sterben, abgekämpft und müde. An ihrem Begräbnistag gingen ihre Kinder zum letztenmal in die Kirche. Die Kindeskinder aber legten gleich nach der Schulzeit das Gebetbuch endgültig fort und traten daheim als Kostgänger auf.
Die Mädchen trieben wie die Knaben mit fünfzehn Jahren ihren Flirt. Vier der jungen Enkel waren mit neunzehn Jahren Vater. Die militärlose Zeit erlaubt ja so junge Familien. Die vier vorehelichen Kinder aber blieben und bleiben ohne Geschwister. Bleiche Frauen hüten die Heimstatt, die keine ist, noch kaum je eine werden wird. Familienbande gibt’s nicht mehr, außer einem. Onkel Jan ist nämlich »Arbeiterführer« ge-worden und vertritt energisch seine Parteiinteressen. Die Kinder auf der Straße nennen ihn den Onkel, der so reich ist…

Heinrich Kautz , 1926

Die „Versuche zur Seelenkunde der Industriejugend“ von Heinrich Kautz erschienen 1926 unter dem Titel „Im Schatten der Schlote“ in der Verlagsanstalt Benziger & Co, Einsiedeln

Eisen, Hüttenrauch und familiäres Elend

Inmitten einer Welt von Eisen, Hüttenrauch und familiärem Elend wächst das Industriekind auf. An seiner Wiege fehlen die Musen und Grazien, die ihm holde Zaubersprüche widmen. Nur die finstere Fee des Elends erhebt ihren knöchernen Finger und deutet vielsagend auf das Land der Zukunft hin.

Vielleicht gehört es zu der Kategorie der Überzähligen zu den Unwillkommenen. Dann ist ihm der härteste, dornigste Erdenweg zugeteilt, den nur ein Mensch gehen kann. Der Tod bedeutet für diese allerärmsten Erlösung.

Tatsächlich belegt die Erfahrung uns diese Seite der „Kinderfrage“ mit entsetzlichen Beispielen. Bis zum Kriegsausbruch brachten uns die Zeitungen und gerichtlichen Urteile immer wieder die Umtriebe der Engelmacher und Engelmacherinnen, der gwerbsmäßigen, internationalen Kinderhandelsinstitute ans Licht. Der Armenpfleger, die Waisenpflegerinnen und die Polizeiassisteninnen, wie überhaupt die Kinderfürsorge berichten andauernd von Fällen tragischen Kinderelendes. Henriette Arndt stellte in ihrem Buche „Kleine weiße Sklaven“ eine Unmenge von Fällen zusammen, in denen Kinder sder Industrie und der Großstädte den abscheulichsten Instinkten menschlicher Bosheit zum Opfer fielen. Ist Brentanos Lied vom Kinde vberstummt, verhallt? –

Man mag sich unter der Industriejugend nach allen Seiten umsehen: Überall entdeckt man Vernachlässigung, Verkümmerung. Überall blickt nacktes Elend heraus. Die Umwertung menschlicher Lebensformen durch die Industrie, die so große Gegensätze mit sich brachte und am Schlimmsten im Mikrokosmos der Familie zur Geltung kommt, muß notwendig das Industriekind treffen. Der Eltern Egoismus und „Unerzogenheit“ offenbart sich am Kind in höhererer Potenz. Wohl begegnet einem auch unter der Industriebevölkerung manchmal ein Strebergeist, der um jeden Preis in den Kindern die Kluft überbrückt haben will, die arm von reich und den Arbeiter von den höheren Ständen scheidet. Dieser Geist des „self-made-mans“ aber hat einen erstickend scharfen Hauch. Was Wunder, wenn er zwar äußeren Fortschritt bringt, die Seele aber kümmern und darben läßt. Der Durchschnitt ist beherrscht von dem dumpfen Druck seiner Atmosphäre. Er sieht in den Kindern Faktoren, mit denen er später rechnen wird.

in: Heinrich Kautz , Um die Seele des Industriekindes ,1918 , S. 41f

Heinrich Kautz schrieb im Mai 1918 über seine Erfahrungen als Lehrer in Hamborn das Buch „Um die Seele des Industriekindes“ , erschienen im Verlag L. Auer, Pädagogische Stiftung Cassianeum in Donauwörth

Hamborn in der fränkischen Zeit

Vom dritten Jahrhundert an war das Land zwischen Ruhr und Lippe im Besitze der Franken, die sich aus Usipetern, Trenkterern, Sigambrern und ändern Stämmen zusammensetzten. In diese Zeit reichen die Anfänge der Bildung von Privateigentum am Grundbesitz und der Bildung des Grundadels. Auch der Oberhof (curtis) Hamborn mit dem gleichnamigen Rittergut verdankte den Franken seine Entstehung. Da der Herr von Hamborn Besitzer mehrerer solcher Güter war, wurde der Oberhof unter Leitung eines Meiers von den Grundhörigen bestellt. Die zugehörigen Unterhöfe in Alsum, Beeck, Wittfeld, Schmidthorst, Fahrn, Aldenrade wurden an einzelne Markgenossen in Pacht gegeben.

Wie bei den alten Germanen war auch das Volk der Franken nach Hundertschaften, Gauen und Herzogtümern gegliedert. Der Ruhrgau gehörte zum Herzogtum Ripuarien. (Clemen: Die Kunstdenkmäler der Rheinprovinz. Bd. II. (Duisburg S 2 und Dinslaken S. 52.)
Im Auftrage des Herzogs nahmen die Grafen von Dynslaiken (Dinslaken) die Gefälle ein, hielten die Bewohner zu Wege- und Wasserbauten an, führten den Heerbann und leiteten die Volksversammlungen. Letztere mußten an der althergebrachten Ding-, Wal- oder Freistätte auf dem Oberhof gehalten werden. (Eicker & Holdschmidt: S. 23 u. 34)

aus: Festschrift zur Feier der Erhebung Hamborns zur Stadt vom 1. April 1911. Bearbeitet und herausgegeben von der Gemeinde-Verwaltung. Gedruckt in Hamborn – Marxloh , Druck und Verlag der Buch- und Kunstdruckerei BARCK & MAY GmbH, 1911