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Verurteilung des brutalen Vorgehens der Polizei

Resolution: Die Streikversammlung der Gesamthochschule Duisburg verurteilt im Rahmen des Abbaus demokratischer Rechte das brutale Vorgehen der Polizei bei einem Abbruchfest in Duisburg-Neumühl, bei dem mehr all 150 Jugendliche von den eingestzten Beamten geschlagen, getreten und unter Einsatz des Kampfgases „Chemical Mace“ an der Weiterführung ihres Festes gehindert wurden. Auf das Schärfste verwehren wir uns gegen Menschen Jagdpraktiken der Polizei wie sie in dieser Nacht in Neumühl üblich waren. Die Maßnahmen in Neumühl reihen sich ein in eine Vielzahl ähnlicher Maßnahmen der Polizei in der Bundesrepublik Deutschland. Dies bedeutet den systematischen Abbau der elementarsten Grundrechte.

Die Streikversammlung der Gesamthochschule Duisburg im November 1979 –
in Dokumentation zum Neumühl-Prozess (1979)

Das Fest und was danach kam

Sicherlich werden Sie jetzt verstehen, daß wir diesen ungerechtfertigten Polizeieinsatz nicht tatenlos hinnehmen können. So beschlossen wir noch am gleichen Abend ein Treffen für den nächsten Morgen, um zu überlegen. was zu tun sei. Gemeinsam mit einem Rechtsanwalt rekonstruierten wir möglichst detailliert die Ereignisse der vergangenen Nacht. Dabei wurde uns klar, daß wir den Vorfall noch immer nicht verstanden und erst recht nicht verarbeitet hatten, zumal zwei unserer Freunde zu diesem Zeitpunkt immer noch in Polizeigewahrsam waren.

Wir haben mehrmals versucht, bei dem zuständigen Polizeirevier Auskunft über den Verbleib der beiden zu bekommen, erhielten aber nur widersprüchliche Antworten. So machte sich neben der Angst noch ein allgemeines Gefühl der Ohnmacht und Ungewiß-heit breit. Uns wurde sehr schnell klar, daß wir in weiterer Konsequenz zweigleisig verfahren müßten; zum einen erschien eine defensive Vorbereitung auf die zu erwartenden Prozesse als Selbstschutz notwendig: Zunächst galt es den Polizeiüberfall möglichst detailliert festzuhalten.

Alle Festteilnehmer waren aufgefordert ihre Beobachtungen aufzuschreiben. Insbesondere waren Zeugenaussagen zu Festnahmen wichtig, wer sah was ihnen vorausging und was während der Festnahme geschah. Weiterhin suchten wir nach Zeugenaussagen Unbeteiligter und befragten aus diesem Grund die Anwohner der Lehrerstraße. Leider mußten wir feststellen, daß kaum jemand dazu bereit war.

Darüber hinaus wollten wir offensiv den Beschuldigungen entgegentreten. Wir verfaßten eine Presseerklärung gegen den falschen Polizeibericht und verschickten sie an Lokalzeitungen und Presseagenturen. Ein von uns erstelltes Flugblatt verteilten wir in Neumühl, an Eltern und Interessierte. Wir beschlossen ein weiteres Treffen am folgenden Samstag im Esch-Haus. Weit über 200 Perso-nen waren anwesend, darunter viele Eltern. Wir beschrieben den Verlauf des Polizeieinsatzes, wobei wir durch die gestellten Fragen feststellen mußten, daß viele den Umfang und die ungerechtfertigte Brutalität nicht verstehen konnten. Zumal die veröffentlichte Stellungnahme der Polizei in der Presse den Ablauf des Überfalls völlig verzerrte und verharmloste.

In diesen Presseberichten worden jegliche politische Hintergründe des Einsatxes verleugnet, obwohl zu diesem Zeitpunkt schon eindeutig feststand, daß das 14.Kommissariat (politische Polizei) die Ermittlungen leitet.

Am darauffolgenden Montag setzten wir uns noch einmal zusammen, um gemeinsam mit Anwälten Anzeigen gegen die eingesetzten Polizeibeamten zu erstellen. Wir fordern Strafverfolgung wegen Nötigung, Körperverletzung, Freiheitsberaubung im Amt und ver-suchtem Totschlag. Die Sammelanzeige wurde von 50 Betroffenen unterschrieben.

Bis heute ist uns noch nicht die Annahme , geschweige denn die Bearbeitung bestätigt worden. Wie der ermittelnde Staatsanwalt von Wallie im August 78 auf Anfrage der WAZ mitteilte, würden unsere Anzeigen vom Ausgang der Verhandlungen abhängig sein. Mittlerweile wurde der Polizeibeirat von mehreren Seiten zur Untersuchung und Berichterstattung aufgefordert; brachte der Unterbezirksparteitag der SPD eine kleine Anfrage im Landtag ein; erreichten uns mehrere Solidaritätsadressen und in unzähligen Diskussionen wurden die Ereignisse heftigst erörtert und analysiert. Zu der kleinen Anfrage im Landtag gab Innenminister Hirsch bekannt, daß er nicht zu einem laufenden Verfahren Stellung nehmen will.

in: Dokumentation zum Neumühl-Prozess (1979)

Polizeiaktion gegen Abbruchfest in Neumühl

Wenn einer mal ein Fest macht….

Wir, d.h. 150 junge Leute aus allen Teilen Duisburgs, feierten am 15..Nov. in Duisburg – Neumühl ein Fest. Das Fest fand in einem mittlerweile leerstehenden Haus, das uns ausdrücklich vom Besitzer zur Verfügung gestellt war, statt. Gastgeber waren die beiden Söhne des Hausbesitzers. Gegen 22:30 Uhr drangen 2 Polizisten in das Haus ein und forderten uns aut, die Musik leiser zu stellen, sie drohten sonst mit einer Hundertschaft wiederzukomen.

20- 30-Minuten später stürmten.ca 40, teilweise mit MPs bewaffnete Polizisten unser Haus. Ein Festteilnehmer fragte nach dem Grund des Eindringens und wurde ohne Kommentar aber mit Prügeln zur Seite gedrängt. – Obwohl zu diesen Zeitpunkt – aufgrund eines Stromausfalls -überhaupt keine Musik mehr lief!

Danach wurde mit ungeheurer Brutalität das gesamte Haus „geräumt“. Dabei wurden wir mit MPs bedroht, teilweise an den Haaren gerissen, geschlagen und die Treppen hinuntergeworfen. Außerdem wurden völlig grundlos von den Polizisten mehrere Türen eingetreten. Schließlich wurden wir alle auf den Hof getrieben, wir verlangtenschon zum wiederholten Mal den Sinn und Zweck dieser Polizeiaktion sowie den Namen des Einsatzleiters zu erfahren. Die Reaktion der Polizei war höhnisches Lächeln und zynische Bemerkungen: „Meine Dienstnummer ist 4711“ Unter uns herrschte große Verwirrung. Viele mußten Iange in leichter Kleidung in der Kälte stehen, da wir bei. der „Räumung“ noch nicht einmal unsere Sachen zusammensuchen durften. Nachdem wir unsere Sachen dann aus einem großen Haufen heraussuchen konnten, befahl uns der Einsatzleiter, wir sollten uns „jetzt endlich verpissen“ Als einer von uns ein weiteres Mal eine Erklärung für dieses abenteuerliche Vorgehen verlangte,wurde er festgenommen und in ein Polizeifahrzeug geschleppt. Die Polizei machte für seine Freilassung zur Bedingung, daß sich ein „Verantwortlicher“ für das Fest melden solle, obwohl sich der Gastgeber schon des öfteren gemeldet hatte. Die Polizei ging dann aber nicht darauf .ein, drängte uns vom Hof auf den Gehweg und nahm weitere 2 Personen fest, die wahllos heraus gegrifffen worden waren.

Wir waren nicht bereit ohne unsere festgenommenen Freunde nach Hause zu gehen und taten dies in Sprechchören kund. Dann plötzlich , und ohne jede Vorwarnung, griff uns die Polizei mit Tränengas und Schlägen ann. Einige von uns wurden von der „Chemischen Keule“ aus nächster Nähe (50 cm) absichtlich mitten ins Gesicht getroffen. Wir rannten kopflos auseinander und versuchten immer wieder zusammenzukommen, um nicht vereinzelt der Polizeiaktion hilflos ausgeliefert zu sein. Immer wieder, und auf immer brutalere Weise wurden wir angegriffen und gejagt. „Chemische Keule“ – Festnahmen – Menschenjagd – beherrschte das Bild. Hilfreiche Anwohner gaben uns auf unsere Bitten hin Wasser, womit wir die Augenverletzungcn durch das Kampfcas CN halbwegs lindern konnten. Als wir glaubten, daB sich die Polizei zurückzieht, und als wir überlegten, wie wir nach Hause kommen, bzw. was mit den Festgenommenen wird – wurden wir , jetzt höchstens noch 40 Leute und schon weit über 300 Meter vom Haus entfernt – von einem neuen Einsatz überrumpelt. Aus verschiedenen Richtungen preschten Polizeifahrzeuge mit aufgeblendetem Licht auf uns zu, Polizeibeamte sprangen heraus, rissen einzelne zu Boden und setzten wieder die „Chemische Keule“ teils aus nächster Entfernung ein. Mit der Jagd nach einzelnen Personen war die Menschenjagd perfekt, einige konnten sich nur durch Sprünge in Vorgärten vor den umherjagenden Polizeifahrzeugen retten. Noch 1 Stunde danach wurde das Viertel von Polizeifahrzeugen nach „Menschenansammlungen“ durchkämmt.
Soweit wir wissen, wurden 8 Verletzte mit privaten Autos zu Krankenhäusern transportiert –herbeigerufene Krankenwagen wurden von der Polizei zurückgewiesen. Soweit wir wissen wurden 10 Leute festgenommen. Sie wurden ohne Angabe von Gründen mit Fußtritten, Schlägen, zum Teil nit Knebelfesseln und an den Haaren in die Polizeifahrzeuge befördert, während der Fahrt angepöbelt und auf gleiche Art in die Wache (Alt-Hamborn) gezerrt. Anrufe bei Anwälten wurden nicht zugelassen, einem inzwischen von Anderen herbei gerufenen Anwalt wurde der Zutritt verwehrt: „Er störe nur die Ermittllungen. Den Festgenommenen wurde Wasser zum Augenauswaschen verweigert ebenso die ärztliche Untersuchung. Soweit uns bekannt ist, wurden die Festgenommenen bis auf 2 Leute, nach Aufnahme und Kontrolle der Personalien freigelassen. Die beiden Nichtfreigelassenen wurden bis am nächsten Tag 15:00 Uhr festgehalten und verhört. Der Grund dafür: Sie hatten keine Ausweispapiere auf dem Fest dabei. Allen Festgenommenen wurde „Landfriedensbruch“, „Widerstand gegen die Staatsgewalt“,…..vorgeworfen

in Dokumentation zum Neumühl-Prozess (1979)

Wir machen ein Fest

150 Mädchen und Jungen in Duisburg-Neumühl
feiern in einem alten Haus, denn es ist draußen schon kühl
s´ist November, durch die Lehrerstraße pfeift hart der Wind
und trägt Musikfetzen rüber, die nicht von Pappe sind
Doch oben im ersten Stock ist es gemütlich und warm
ein paar Kerzen flackern, und Bärbel hält ihren Typen im Arm
Alle sind glücklich und lachen, Ötte meint: puns, puns, puns
ist doch die Sau so´n Abrißhaus, da sind wa unter uns!
Wir machen ein Fest, hier ist richtig wat los
lassen ein paar Platten spielen, hier ist keiner der Boss!
Bisken Bier außer Pulle und wir haben unser Späsken
wat sind wa gut drauf, endlich für uns ein Plätzken
In dem Tempel hier braucht keiner vorsichtig sein
kippt mal was um, na da passiert nicht viel
und keiner kriegt einen rein

Refrain:
Wir machen ein Fest – hier ist richtig wat Ios
hier kriegt keiner ein´ rein, hier ist keiner der Boss!

Plötzlich geht die Tür auf und es treten ein zwei Herren
einer murmelt: „ooch, die Förster!“, doch das hören die nicht gern
„Macht die Musik aus Jungs, und nich hier so´n Krach
is gleich nich Sense hier, steigt Euch ´ne Hundertschaft aufs Dach..“
Was die meinten, haben noch nicht alle Festgäste begriffen
da wird schon die Tür ein zweites Mal aufgerissen
jetzt sind´s gleich 42 im grünen Bock
mit chemischer Keule, Knarre und dem Gummistock
Wir machen doch nur ein Fest, wat is denn los?
Wir lassen ein paar Platten spielen: „Jau, sie sind der Boss!“
bisken Bier aus´er Pulle, wollnse nich auch en Häppken?
„Los, jetzt aber raus hier, sonst krisse ein vor´d Pläzken!
Wie kommt ihr überhaupt in das alte Haus rein?
Wir schmeißen euch die Treppe runter,
zieht ab, verschwindet, oder ihr kriegt voll eine rein“
Nee !!!

Wir machen ein Fest, hier ist richtig wat los
hier kriegt keiner einen rein, hier ist keiner der Boss!

Das Fest ist aus und der Einsatz rollt – in Duisburg-Neumühl
Schreie auf der Lehrerstraße – Polizei gegen Zivil
Es wird geschlagen, mit MP gedroht, an den Haaren gerissen,
in den Arsch getreten, festgenommen, in den Gitterwagen geschmissen.
Ein Sprechor ruft: „Gebt die drei raus, gebt sie frei“,
geht die Jagd erst mal los und die Prügelei
vom Streifenwagen gehetzt, von der Keule besprüht,
nochmal 9 Mann festgenommen, und der Einsatzleiter brüllt:

„Wir machen ein Fest und haun mal richtig los
lassen die Knüppel tanzen – Hier bin ich der Boss!“
Fließt das Gas aus der Keule und wir treten ein Häppchen
wat sind wa gut drauf, endlich ein Prügelplätzchen
Bei euch Langhaarigen brauchen wir nicht vorsichtig zu sein
kippt von euch einer um, passiert doch nicht viel
ihr kriegt feste eine rein!“ — „Nein !“
Wir machen ein Fest , hier is´ richtig wat los
hier kriegt keiner einen rein, – hier ist keiner der Boss!

Leute haben es gesehen, heute wissen wir´s, die Sache war geplant!
Der Einsatz stand bereit, zwei Straßen nebenan!
Die Sache ist offen, die fordern uns, auf Deubel komm raus!
Egal , ob in Kalkar – oder in diesem alten Haus.
Hier geht´s nicht um Musik oder Ordnung oder so´n harmlosen Kram
die wolln: Einschüchtern, Angst verbreiten – über den verlängerten Arm
Also, Achtung Leute, bevor die sagen: puns, puns, puns
der Stall ist demokratenfrei, jetzt sind wir unter uns!

Wir machen ein Fest, hier is richtig wat los
hier kriegt keiner einen rein – und hier is keiner der Boss!

Text und Musik: anonym ? Keine Angaben –
In: Dokumentation zum Neumühl-Prozess , November 1977 ,
herausgegeben von Herbert Stockhecke , im Namen der 12 Angeklagten und aller Festteilnehmer

Zeugenaussagen zum Polizeieinsatz

„Ich bin unheimlich wütend geworden und war ziemlich fertig. Als ich einen Polizisten fragte, warum er nicht auf Hasenjagd gehe, anstatt Menschen zu jagen, da bekam ich als Antwort „Ja seid ihr denn noch Menschen?“

„Und als dann hinterher, die Stimmung war auf m Höhepunkt, Rambo Zambo in allen Räumen, ja dann kam plötzlich der Schock….Dann fingen die ja an mit „alle raus“ und ging dat direkt auch los mit Geschuppse ne und dann im Treppenhaus, die irre Scene, die sich da abgespielt hat, nämlich echt die Schuppserei und so ne. Also ich hab da noch den Nagel, also da hat mir jemand auf den Fuß getreten und der Zehnagel ist noch verkrüppelt. Naja, is ja nich so schlimm, hast te ja auch im Eifer des Gefechts gar nich so gemerkt. Ja, und dann standen wir unten in der Kälte und froren uns den Arsch ab. ja, und überhaupt, wat dat denn sollte, so wat kennt man ja gar nicht. So rausgeworfen werden mit aller Gewalt, obuohl man gar nichts gemacht hat, als Unbeteiligter steht man dann da, is eingeladen worden, hat sich nix zu Schulden kommen lassen, abgesehen davon, dat man n bißchen Stimmung hatte, oder sogar sehr viel Stimmung hatte… und mußtest echt lange bitten und bettein, bis die mal sagten, ja, die können die Mäntel holen… Ja, und dann kams zu den Ausschreitungen von den Bullen, Ausschreitungen von uns hab ich nicht gesehen, echt… Ja, und dann wollten die Leute nich abhauen, is klar, weil die sich alle auf n Schlips getreten fühlten…“

„Auf einmal ging´s unheimlich abrupt… Bevor ich irgendwat wahrgenommen hab, wollte ich meine Sachen nehmen, da stehn die Polizisten schon an der Treppe und verhinderten, dat ich mein Mantel und mein Pullover hol, da ich ja nur n Hemd anhatte und gefroren hatte und draußen war s kalt, konnte ich überhaupt nix nehmen. Ich wurd die Treppe runtergestoßen und stand schon draußen. Ich konnte überhaupt nix sagen. Wir wurden vom Hof zurückgedrängelt und die Leute schrien irgendwas. Ich schrie auch, aber nur, weil ich irgendwas in die Augen gekriegt hab, von dieser chemischen Keule… Ich hab zum ersten Mal richtige Angst gehabt. Richtige Angst und dat von der Polizei dat hätte ich mir vorher nie denken können.“

„Ich fand dat eigentlich ziemlich brutal und der Sache überhaupt nicht angemessen, weil wir sicher auch so runterjegangen wären. Ja und dann standen wir unten auf´m Hof, unheimliches Palaver… Ich war auch total sauer, weil die´n Mädchen unheimlich brutal die Treppe runtergeschupst ham… Und dann sah ich, wie der … auf einmal auf dem Boden lag, und da war ich erst ma unheimlich fertig. Rumqeheult und dat war alles unheimlich schlimm..“

„Ja, und dann auf einmal, war also kaum begreiflich die Situation, weil Minuten vorher waren alle total guter Laune, tolle Stimmung und auf einmal waren alle total depremiert und frustriert. Ich war auch total enttäuscht, ich hätte nie gedacht, das unsere Polizei ein so ne Feier eingreifen würde, war für mich vollkommen unverständlich…“

„Bei dem Film Sacco und Vancetti, da war so ne ähnliche Scene; da wurden so Leute aus nem Haus rausgeprügelt. Und sofort wurde ich wieder an die Sache in Neumühl erinnert, weil ich auch gesehen hab, dat vor mir Leute echt die Treppe runtergeschmissen wurden und sich richtig weh getan ham, richtig verletzt ham…“

„…wurde ich durch das Licht eines Kraftfahrzeuges darauf aufmerksam, daß mich ein Auto auf dem Gehsteig verfolgte. Das Auto fuhr mit ziemlich hoher Geschwindigkeit auf mich zu und der einzige Weg, um nicht vom Wagen überrollt zu werden, war für mich, zur Seite zu springen. Nachdem ich zur Seite gesprungen war, hielt das Polizeiauto und zwei Polizeibeamte rannten auf mich zu. In diesem Moment begann auch ich zu rennen, davonzurennen! Ich fiel zur Erde, stand wieder auf und rannte weiter. Auf Aufforderung der Polizisten blieb ich stehen und wurde festgenommen. Auf der Fahrt zum Polizeirevier fragte ich die Polizeibeamten, warum ich denn festgenommen wurde und erhielt zur Antwort: „Wer so auffällig angezogen ist wie sie.“

„2 Polizisten stürmen auf mich los, ziehen an meinen Haaren. Ulla und ich halten uns . fest. Sie reißen mich los, schleifen mich ca. 5 – 7 m weg, hinter einen VW-Bus. Mehrere Polizisten wollen mich mit der Knebelkette fesseln. Ich will den Grund wissen, wehre mich indem ich mich zu Boden fallen lasse und meine Hände rechts und links an den Oberschenkeln in der Hose verkralle. Ich schreie: Laßt mich los, warum wollt ihr mich fesseln u.a. Werde von mind. 5 Polizisten bearbeitet; je einer an jedem Arm, einer würgt mich mit der Knebelkette, einer kniet auf meinem linken Bein, einer verdreht den rechter Fuß nach Außen… “

in: Dokumentation zum Neumühl-Prozess (1979)

Der Polizeieinsatz bei dem Fest in Neumühl

Wir haben uns bislang bemüht, Ihnen einen Eindruck von den Vorbereitungen und dem Verlauf des Festes zu vermitteln. Auch wenn das gedruckte Wort dies nur sehr unvollständig und begrenzt vermag, können Sie vielleicht nachvollziehen, daß das Erscheinen zweier Polizei-Beamter gegen 22 Uhr 30 uns nicht aus der Fest-Stimmung reißen konnte. Ausgelassen wie wir waren, wurden die Herren zum Mitfeiern aufgefordert. „Zieht die Uniform aus“ und „für die Polizei -Dienstags frei“ wurde gerufen.

Die Beamten verlangten, daß die Musik leiser gestellt würde, der Aufforderung wurde nachgekommen, ob mit Erfolg oder nicht – darüber gehen die Meinungen wohl auseinander: jedenfalls rückten 20 Minuten später 42 Beamte mit Schlagstöcken und Maschinenpistolen an.

Von ihrem „besonnenen“ Vorgehen konnte schon beim Betreten des Hauses keine Rede sein. Sie traten willkürlich Türen ein und trieben ohne jede Vorwarnung Festteilnehmer aus dem Haus. Der Einsatz wird von offizieller Seite mit „Unterbindung von erheblicher Ruhestörung“ begründet – allerdings erst im Nachhinein. Uns wurde eine Angabe während des Einsatzes verweigert, ja, konnte für uns auch in keinster Weise erkennbar sein, da auf Grund eines Stromausfalls auch die Stereoanlage schwieg, mithin von „Erheblicher Ruhestörung“ selbst bei unterschiedlichsten Lärmbelästigungsschwellen keine Rede sein konnte.

Durch den Stromausfall herrschte vollkommene Dunkelheit im Tanzraum, in dem sich die meisten Leute aufhielten. Während dieser Zeit hatte sich die Polizei schon im ganzen Haus verteilt. Als das Licht im Tanzsaal wieder anging begannen die Beamten brutal das Haus zu räumen. Es wurde dabei mit den Maschinenpistolen gedroht, teilweise an den Haaren gerissen, geschlagen und einige sogar die Treppe hinuntergeworfen. Wir wurden auf den Hof getrieben, wo zum wiederholten Male verlangt wurde, Sinn und Zweck dieser Aktion, sowie den .Namen des verantwortlichen Einsatzleiters zu erfahren.

Die Reaktion der Beamten war höhnisches Gelächter und zynische Bemerkungen: „Meine Dienstnummer lautet 4711“, u.a. Viele mußten lange in leichter Kleidung in der Kälte stehen, da wir bei der Räumung nicht einmal unsere Sachen zusammensuchen durften.

Wir waren fassungslos und empört über die Brutalität – sie war uns unerklärlich und unvorstellbar. Einige stimmten Sprechchöre an, andere versuchten mit einzelnen Beamten zu diskutieren. Wir wurden aufgefordert nach Hause zu gehen, doch wir dachten nicht daran: Wir wollten weiterfeiern, und außerdem waren unsere Jacken, Mäntel usw. noch im Haus. Einem wurde dann erlaubt unsere Sachen aus dem Haus zu holen. Gleichzeitig begannen die Beamten uns ohne Erklärungen über den Grund des Einsatzes vom Hof zu drängen.

Plötzlich wurde einer von uns, der wie viele andere noch immer hartnäckig nachfragte, von zwei Beamten zu Boden gerissen und in ein Polzeifahrzeug gezerrt. Die Frau, die unmittelbar daneben stand rief mehrmals „Aufhören“. Unsere Entrüstung stieg, Sprechchöre werden von neuem angestimmt: „Freilassen,freilassen!“ Statt den einen freizulassen, drängen sie uns immer massiver vom Hof, zerren einzelne an den Haaren, wahllos werden zwei von uns herausgegriffen und festgenommen.

Voller Empörung weigern wir uns jetzt endgültig nach Hause zu gehen. Um weitere Festnahmen zu verhindern halten wir uns gegenseitig an den Händen fest und haken uns ein. Dies war für die Polizisten offenbar das Signal für den Sturmangriff. Ein Beamter, möglicherweise der Einsatzleiter rief: „Geht nach Hause, euer Plan ist gescheitert!“

Dann plötzlich, und ohne Vorwarnung wurde mit Gummiknüppel und dem Kampfgas RSG 1( chemische Keule) gegen die Festteilnehiner vorgegangen. Einige wurden von dem Gift aus nächster Nähe, absichtlich, mitten ins Gesicht getroffen. Wir rannten entsetzt, schreiend, voller Panik. Während einige versuchen den Verletzten zu helfen – Anwohner ge-ben uns Wasser für die Augen – versammeln sich andere nach und nach wieder auf der Straße vor der Hof einfahrt.

Das ist dann der Auslöser für den nächsten Angriff: Tränengas, Gummiknüppel, Festnahmen, Verletzte. Doch damit lange nicht genug: Immer wieder, und auf immer brutalere Weise wird jede Ansammlung von uns angegriffen uns auseinandergetrieben, schließlich werden sogar einzelne gejagt. Als wir endlich – vielleicht noch ein Rest von 50 Festteilnehmern und schon über 500 m vom Haus entfernt – glaubten, der Einsatz sei endlich vorüber und uns überlegten, was mit den Festgenommenen wird, und wie wir nach Hause kommen, werden wir von einem neuen Überfall überrumpelt:

Aus verschiedenen Richtungen jagen Polizeifahrzeuge mit aufgeblendeten Scheinwerfern auf uns zu. Polizeibeamte springen heraus, reissen einzelne zu Boden und setzen wieder die „chemische Keule“ aus nächster Entfernung ein. Einige können sich nur durch kühne Sprünge in Vorgärten vor der nunmehr perfekten Menschenjagd retten.

Noch eine Stunde später, so berichten völlig unbeteiligte Zeugen, wurde das Viertel nach „Menschenansammlungen“ durchkämmt. Nachdem unser Fest so zerschlagen worden war, beschlossen einige zum Polizeipräsidium Hamborn zu fahren, um sich nach den Festgenommenen zu erkundigen. Cirka 50 Festteilnehmer warteten vor der Wache. Einem inzwischen von uns verständigten Rechtsanwalt wurde der Einlass verweigert mit der Begründung: „Er störe nur die Ermittlungen.“

Diese Darstellung der Vorfälle in : Dokumentation zum Neumühl-Prozess (1979)

Strukturwandel und Schließungen

Während am 28. September in Anwesenheit des Bundespräsidenten Walter Scheel ein neues Thyssen-Ausbildungszentrum und am 6. Oktober eine Büchereizweigstelle in der vormaligen Aula der kaufmännischen Berufsschule Walter-Rathenau-Straße eröffnet werden, wird am 14. 11. die Hamborner Kokerei Friedrich Thyssen 4/8 still gelegt.

Ende des Bergbaus in Duisburg-Hamborn

Mit der Stillegung von Schacht 2/5 der Hamborner Schachtanlage Friedrich Thyssen endet am 13. Dezember 1976 nach genau 100 Jahren die Förderung von Kohle in Hamborn.

Größter Hochofen in Europa

Der „größte Hochofen Europas“ wird bei der August-Thyssen Hütte , kurz ATH , in Schwelgern am 6. Februar angeblasen.