Archiv der Kategorie: Chronik

Am Morgen des 4. April 1920 wurde in Hamborn ein Arbeiter von Soldaten gezwungen , in einem Garten ein Loch auszuheben. Angeblich lief er dabei weg und wurde erschossen. Auf Anfrage erklärte Major Schulz , das Verbot von Erschießungen sei erst um 11:30 bei ihm eingegangen.

Quelle: Ernst Müller an Severing am 10. April 1920 , in Nachlaß Severing A 3 , zitiert nach Märzrevolution III (1978). Erhard Lucas merkt dazu an: Die Aussage von Schulz „bezog sich offenbar auf den Kompromiß in der Frage des Standrechts , womit Major Schulz deutlich machte , daß für ihn kein Unterschied zwischen standrechtlichen Exekutionen und Erschießungen ohne jedes vorangegangene Urteil bestand“ (s. 373)

Franziska und Josefa Eckert getötet

Franziska und Josefa Eckert aus Hamborn wurden im Frühjahr 1920 von Freikorps- und Reichswehrsoldaten ermordet. Sie kämpften für die Rettung der Weimarer Republik vor den Kapp-Putschisten, die nach dem 13. März 1920 eine Militärdiktatur errichten wollten. Die beiden jungen Frauen halfen als Krankenschwestern bei der Roten Ruhr Armee .

Bilder aus Illustrierte Geschichte der Revolution .

Neuer Bürgermeister Paul Mülhens

Hamborn erhält einen neuen Oberbürgermeister , Paul Mülhens , der bis Ende 1920 amtiert. In seine Amtszeit fällt der Kapp-Putsch in Berlin und die Märzrevolution 1920. Im April beginnt die Stadt beginnt mit der finanziellen Unterstützung eines schon seit 1913/14 vorhandenen Hamborner Orchesters unter der Leitung von Musikdirektor Karl Koethke . Das Orchester löst sich dennoch 1920 wieder auf.
Die Gewerkschaft deutscher Kaiser wird in “ August Thyssen Hütte , Gewerkschaft “ umbenannt – ihre Bergbauabteilung nimmt den Namen “ Gewerkschaft Friedrich Thyssen “ an.

Soldaten schiessen auf Streikende in Oberhausen

Inzwischen dehnten die Hamborner Bergleute ihre Demonstrationszüge zu Zechen In der Umgebung bis nach Sterkrade und Osterfeld aus und brachten immer mehr Belegschaften zum Anschluß an den Streik. Auf der Gegenseite erhob sich ein immer allgemeiner werdender Ruf nach Militär. Am 26. Dezember entsandte das Generalkommando in Münster, die für das Ruhrgebiet zuständige oberste militärische Stelle, zur Zeche ,,Osterfeld“ In Osterfeld ein Freikorps unter Oberst Heuck – eine jener Freiwilligentruppen, die von einzelnen Offizieren aus den Resten des kaiserlichen Heeres aufgestellt wurden. Das war das erste Freikorps, das im Ruhrgebiet eingesetzt wurde.

Die Direktion der Gutehoffnungshütte, der die Zeche ,,Osterfeld“ gehörte, bat Oberst Heuck , den ebenfalls zu Ihrem Konzern gehörigen Schacht ,,Königsberg“ in Oberhausen zu besetzen, also näher an Hamborn heranzurücken. Als am 27. Dezember ein Demonstrationszug aus Hamborn, verstärkt durch die Belegschaft von ,,Concordia“ In Oberhausen, vor der Schachtanlage eintraf, wurde er von den Maschinengewehren des Freikorps empfangen. Drei Tote und mehrere Schwerverletzte blieben im Feuer liegen.

Daraufhin schickte die Hamborner Arbeiterwehr, die sich mit den Streikenden solidarisiert hatte, zwei Lkw mit Maschinengewehren nach Oberhausen; auf der anderen Seite erhielt das Freikorps Verstärkung von einer Essener Matrosenkompanie. Es entwickelte sich ein regelrechtes Gefecht, das auf beiden Seiten je zwei Todesopfer forderte.

Erhard Lucas : Märzrevolution im Ruhrgebiet I –

Hamborner Forderungen

Am 18. Dezember traf der Linkssozialdemokrat Ströbel , einer der beiden Vorsitzenden der preußischen Revolutionsregierung, aus Berlin im Revier ein, um die Streikbewegung durch Verhandlungen beizulegen. In einer großen Konferenz in Mülheim unter Ströbels Vorsitz gestand die Thyssen-Direktion ihren Belegschaften eine einmalige Zahlung von 100–200 Mark pro Bergmann sowie von 25 Mark für jedes Kind unter 14 Jahren zu, Jedoch nicht – und auf diese Interpretation legte die Direktion Wert – als Teuerungszulage, die die Belegschaften gefordert hatten, sondern als teilweise Entschädigung für den durch den Streik entstandenen Lohnausfall. Voraussetzung der Zahlung sei jedoch, daß ab 1. Februar 1919 die Achtstundenschicht voll verfahren werde. Gegen diese Klausel erhob sich in Hamborn bei einer Minderheit der Bergleute Widerstand. Die Mehrheit nahm jedoch das Abkommen an und beschloß, den Streik zu beenden.

Die Interpretation, die die Thyssen-DIrektion der einmaligen Zahlung gegeben hatte, erwies sich als wirkungslose Spitzfindigkeit: für die Bergleute in den Nachbarorten war allein entscheidend die Nachricht, wieviel Ihre Kameraden in Hamborn ausgezahlt erhielten. So forderten drei Zechenbelegschaften der Gutehoffungshütte unmittelbar nach dem Mülheimer Kompromiß außer einer Streikentschädigung die Hamborner Zahlungen.

Erfolge auch in Oberhausen und Mülheim

Mit den Hamborner Aktionsformen — Demonstrationszügen und Stillegungen von Nachbarzechen — brachten sie die Direktion zum Nachgeben: am 2. Januar 1919 gestand diese die Hamborner Sätze und eine Zusatzzahlung, abgestuft: nach der Zahl der Streikschichten, zu. Dieser Erfolg der Oberhausener Bergleute war ein Dammbruch; bis zum nächsten Tag standen bereits sämtliche Schächte des Mülheimer Bergwerksvereins mit denselben Forderungen im Streik, und das griff um sich: eine Belegschaft zog die nächste in den Streik, und jede forderte die Hamborner Sätze.

Erhard Lucas: Märzrevolution im Ruhrgebiet I

Hamborner Bergleute streiken weiter

Einen Tag nach der Essener Vereinbarung vom 13. Dezember 1918 widerrief die Thyssen-Direktion in Hamborn die Zugeständnisse an Ihre Belegschaft mit der Begründung, sie seien ,,erpreßt“ und ,,nur unter Protest“ gemacht worden, also ,,nach den geltenden Rechtsbegriffen null und nichtig“. Damit waren die Hamborner Bergleute auf Ihren Ausgangspunkt zurückgeworfen und erneut vor die Frage gestellt: Anschluß an die zentrale Gewerkschaftspolitik und damit Bescheidung mit deren unzureichenden Ergebnissen – oder ein neuer Versuch, aus eigener Kraft die elende Lage zu verbessern. Sie entschieden sich ausdrücklich für das zweite.

Da sie bereits viele Tage vergeblich gestreikt hatten, trafen sie die Entscheidung In dem Bewußtsein, auf eine allmähliche Ausbreitung ihrer Bewegung durch beispielhaftes Vorangehen nicht mehr warten zu können, und griffen zu einer Aktionsform, die für die weitere Bewegung typisch wurde: sie zogen in großen Demonstrationszügen zu den Nachbarzechen, um deren Solidarisierung zu erreichen. Dieses Kampfmittel der direkten Aktion zusammen mit dem Gegensatz zur zentralen Gewerkschaftspolitik brachte die Hamborner Bergleute zum Syndikalismus, und so lag es in der Logik der Sache, daß sich allmählich die Mehrheit der Belegschaften der Thyssen-Zechen In der syndikalistischen ,, Freie Vereinigung deutscher Gewerkschaften “ organisierte.

in: Erhard Lucas : Märzrevolution I .

Revolution in Hamborn

Tarifvertrag 1918

In einem ersten Abkommen vom 14. November erreichten die Bergarbeitergewerkschaften vom Zechenverband u. a. die Achtstundenschicht einschließlich Ein- und Ausfahrt. Bisher hatte die Arbeitszeit auf den Ruhrzechen unter Tage acht Stunden ausschließlich Ein- und Ausfahrt betragen. Angesichts der Tatsache, daß inzwischen eine Revolution stattgefunden hatte, war eine Verkürzung der Arbeitszelt um durchschnittlich eine halbe Stunde (für die Ein- und Ausfahrt) nicht gerade beträchtlich – ganz abgesehen davon, daß die Revolution bedeutendere Ziele, voran die Sozialisierung der Betriebe, auf die Tagesordnung gesetzt hatte. Außerdem hatte die Berliner Revolutionsregierung bereits zwei Tage zuvor die generelle Einführung des Achtstundentages dekretiert; da die Bergarbeitergewerkschaften jetzt nicht mehr herausholten, verloren die Bergarbeiter den traditionellen Ausgleich für die Schwere ihrer Arbeit, die kürzere Arbeitszeit im Vergleich mit den übrigen Industriearbeitern.

„,“In dem Abkommen wurde weiter vereinbart, daß künftig alle Streitpunkte nur noch durch Verhandlungen beigelegt wenden sollten. Damit setzten die Gewerkschaften Ihren im Kriege geleisteten prinzipiellen Streikverzicht fort. Der ,, Alte Verband “ veröffentlichte das Abkommen mit einem Aufruf an seine Mitglieder, der in dringendstem Tone zur gewerkschaftlichen Disziplin mahnte und klarmachte, daß zentrale Tarifpolitik Tarifzwang für die Einzelbelegschaften beinhaltet.

Forderung der Achtstundenschicht

Mit diesem ersten Abkommen nach der Revolution gerieten die Gewerkschaften bereits In Schwierigkelten. Mehrere Zechendirektionen hatten nämlich die Forderung der Achtstundenschicht radikaler aufgefaßt, als die Gewerkschaften sie gemeint hatten: sie rechneten die 8 Stunden vom Beginn der Seilfahrt des ersten Bergmanns der Schicht bis zum Ende der Ausfahrt des letzten Bergmanns, also 8 Stunden pro Schichtbelegschaft, das ergab als Schichtzeit pro Bergmann durchschnittlich 7,5 Stunden.

Die Gewerkschaften dagegen, die die Achtstundenschicht seit Ihren Anfängen gefordert hatten, hatten sie Immer als Zeit zwischen dem Beginn der Seilfahrt und dem Ende der Ausfahrt des einzelnen Bergmanns verstanden, d. h. jeder Bergmann sollte 8 Stunden unter Tage sein.

Und nun geschah das Erstaunliche: anstatt die für die Arbeiter günstigere Auslegung sich zu eigen zu machen und sie generell durchzusetzen, versuchten die Gewerkschaftsfunktionäre, diejenigen Belegschaften, deren Schichtzeit bereits auf 8 Stunden pro Schichtbelegschaft festgesetzt war, Im Sinne der alten Gewerkschaftsauslegung zu disziplinieren. Das gelang — bis auf eine Ausnahme: die Bergleute der Thyssen-Zechen in Hamborn verfuhren weiterhin nur 8 Stunden pro Schichtbelegschaft.

Revolution im Ruhrgebiet beginnt in Hamborn

Mit dieser Entscheidung der Hamborner Bergleute gegen ihre Gewerkschaften begann die eigentliche Revolution im Ruhrgebiet von 1918/1919. Es kann hier nicht dargelegt werden, warum gerade In Hamborn die selbständige Bewegung der Bergarbeiter begann. Hier muß der Hinweis genügen, daß August Thyssen in Hamborn eine Schachtanlage und ein Hüttenwerk errichtet hatte und dabei in amerikanischem Tempo in einer rein ländlichen Gegend eine Großstadt aus dem Boden gestampft hatte; nach drei Jahrzehnten verhältnismäßig normalen Wachstums von 1870 (2000 Einwohner) bis 1900 (28 000 Einwohner) schnellte die Einwohnerziffer bis 1912 auf über 100 000. Eine solche Entwicklung war selbst im Ruhrgebiet einmalig, das an solchen Rekorden nicht arm ist.

Unter welchen Bedingungen die Arbeiter — auch hier zu einem hohen Prozentsatz Ausländer aus vielen Ländern – lebten, kann ebenfalls nur angedeutet werden: zieht man mit aller Vorsicht einen Vergleich mit der Gegenwart, so war Hamborn nach Arbeitsbedingungen wie nach Wohn- und Lebensverhältnissen ein ,,Gastarbeiter“-Milieu riesigen Ausmaßes. Und in diesem Milieu war, wie sich jetzt zeigte, die gewerkschaftliche Organisation noch nicht so tief verankert, daß die Bergarbeiter — die übrigens von dem lokalen Arbeiter- und Soldatenrat unterstützt wurden — den Gewerkschaften zuliebe den einmal errungenen Vorteil wieder aufgegeben hätten. Unternehmer wie Gewerkschaften erkannten, welche Gefahren bei diesem Ausscheren einer bedeutenden Belegschaft aus der zentralen Tarifpofitik drohten.

in Erhard Lucas : Märzrevolution im Ruhrgebiet , Band I

Revolution in Hamborn

Nach Kriegsende wird in Hamborn am 8. November ein Arbeiter- und Soldatenrat gebildet und im Dezember streiken die während des Krieges ausgehungerten Bergleute. Sie kämpfen für bessere Arbeitsbedingungen (7-Stunden-Tag) und bessere Löhne. Auf Druck der Streikenden treten die SPD-Vertreter im Hamborner Arbeiter- und Soldatenrat zurück – die neuen Arbeiterräte sind rein linksradikal (ähnlich in der Nachbarstadt Oberhausen)
Außerdem werden am 1. Dezember 1918 in Hamborn  die Niederrheinischen Gas- und Wasserwerke gegründet.

Friedliche Landgewinne im Krieg

Im dritten Jahr des ersten Weltkriegs macht Hamborn friedliche Landgewinne – ca. 370 ha Land aus den Gemeinden Holten und Buschhausen werden am 1. Juli eingemeindet.

Brotkarte, Hauptpostamt und Kirchweih

Am 13. März wird im Zuge der Lebensmittelrationierung im 1. Weltkrieg die “ Brotkarte “ eingeführt, das Grundnahrungsmittel Brot ist nun rationiert. Das hält die Hamborner nicht davon ab, mitten im Krieg am 15. September 1915 das Hauptpostamt Hamborn zu eröffnen. Das imposante Gebäude steht seitdem an der Ecke Duisburger Strasse / Goethestrasse gegenüber dem Rathaus. Und wieder eine Kirche: Am 12. Dezember findet die Weihe der Liebfrauenkirche Hamborn statt.