Ein Familienbild

Die alte Bergmannswitwe Seep kam vom Schachtbüro zurück. Ihr schwarzes Kopftuch rahmte das bräunliche Runzel gesteht mit dem ergrauten Haar noch recht munter ein. Sie stemmte beim Gehen die Linke auf die Hüfte und murmelte zufrieden vor sich her. Ihre Unternehmungslust hatte eben einen kühnen Griff getan. Nun waren ihre drei ältesten Jungens gekündigt, der Möbeltransport war eingerichtet und die Abwanderung abgemachte Sache.

Die Nachrichten aus der künftigen Heimat waren zu verlockend. Warum auch nicht einfach den Ort wechseln, wenn sich bessere Aussichten boten? Ihre beiden Töchter zogen ja mit. Es war nicht schwer gewesen, die Schwiegersöhne für ihren Plan zu gewinnen. So zog man mit der ganzen Sippe los…

Frau Seep war wegen ihrer Energie gut gelitten unter dem Arbeitervolk der Industrie an der deutsch-belgischen Grenze. Sie verstand durchzusprechen, vertrug einen derben Spaß und half gern bei Unglücken und Krankheitsfällen. Dreimal hatte sie Hochzeit gehabt, dreimal war sie unter den Klängen der Knappenkapelle einem Gatten zum Grabe gefolgt. Das Leben hatte ihr weder Leid noch Härte erspart. Sie kannte die Tage an der Seite eines Siechen, an der Hand eines Arbeitsscheuen und unter den Rohheiten eines Trunkenboldes. Aber dank ihrer robusten Gesundheit, ihrer nervigen Fäuste und ihrer blanken Zähne war alles gnädig an ihr vorbeigezogen. Sogar die erwachsenen Jungens respektierten sie in allen Dingen.

Nun galt es noch, bei einigen Bekannten Abschied zu nehmen, die Ummeldung zu machen und mit Sack und Pack sich auf die Bahn zu setzen. In einer halben Tagereise würde die neue Heimat erreicht sein, und dann konnte das neue Leben beginnen. Etwas wie ein müdes Weinen stieg der alten Frau in die Augen. So leise, ganz leise hob sich die Erinnerung von den grauen Straßensteinen und schlich ihr nach, zog ihre Gedanken hinüber zum Friedhof, wo die Eltern, die vier Kinderengelchen und die drei Männer ruhten.

Die Männer? Ja, Glück und schöne Tage hatte ihr keiner gebracht, und doch steckten ihre verwaschenen Hände diesen harten Seelen die Sterbekerze an, deckten den Versehaltar und dienten beim Sterben. Friedlich waren sie hinüber gegangen, zuletzt glücklich wie arme Kinder, denen plötzlich ein Christbaum leuchtet. Das war genug getan. Zu Allerseelen bekamen sie ihre Messe und Sonntags alle zusammen einen Rosenkranz. Damit ab.

Tränende Erinnerungen mochte Frau Seep nicht leiden. Deshalb schüttelte sie alle Gedanken ab und sang mit ihrer schaukelnden Stimme ein altes Schullied vor sich hin, während sie selbst zu diesem Kontrast verschämt lächeln mußte. Und dann bog sie von der Schachtstraße ab um die Ecke und klinkte Nachbars Tür auf.

Vierzehn Tage später stand Frau Seep in einem freundlichen Privathause innerhalb ihrer zwei Zimmer auf einem Stuhl und klopfte Bilder an. Ein vergilbter Brautkranz, ein Kruzifix unterm Bilderrahmen mit einer Spieluhr, etliche Photographien und ein paar große Reklamekalender in sentimentalem Kolorit zierten bereits die Wände. Es gefiel ihr in der neuen Heimat. Die Jungens verdienten gut. Die Wohnungen waren freundlich und sauber, die Hausleute gut. Sie war im Nu allen bekannt, die lustige, unverwüstliche alte Frau.

So lernte ich sie kennen. Anfangs rollte sie noch tapfer die Ärmel auf und verdiente sich am Waschbrett einen Groschen. Sie ging mit ihrer Tochter Neubauten putzen. Herbstputz in den riesigen Schulen halten und Kohlen suchen. Ihre Jungens gebrauchten viel und steckten nach der Schicht die Hände in die Taschen. Zum Lesen zu faul, für eine Lieblingsarbeit zu schwerfällig, nur aufgelegt für Juchhe und Leichtsinn, machten sie der alten Frau viel Verdruß.

Sie tranken, spielten Karten, verloren Wetten und verschlissen gar manches Paar Sohlen auf dem Tanzboden. Dann ging es zu einer Hochzeit, dann wurde ein Ausflug gemacht. Ein andermal lagerten sie sich in das büschelige Heidegras, holten sich einen Kasten Flaschenbier, eine Kiste Zigarren, eine Harmonika und vertrubelten den Tag.

Dann saß die alte Seep abseits, still für sich, in trüben Gedanken und holte ihren Nähkasten aus Mädchentagen heraus. Er war aus Zigarrenkistenholz geschnitzt und ein Andenken an ihres ersten Mannes Soldatenzeit. In diesem Kästchen verwahrte sie alle Photographien, Bildchen und allerlei Andenken. Zwei der Bildchen nahm sie besonders gern zur Hand. Sie waren von ihrer ältesten Tochter, die als Magd seit Jahrzehnten in einem großen Krankenhause diente. Die Bildchen zeigten sinnig-feine Papierschnitzerei.

Behutsam nahm die alte Frau das weiße Seidenbändchen, zog es sacht herunter und bewunderte das kleine Altärchen mit dem segnenden Jesuskinde. Ihre Jungens würden lachen, wenn sie daheim wären, dachte sie eben und wickelte das Bildchen sorgsam wieder ein. Lachen? Wo sie das nur her hatten ? Von ihr sicher nicht.

Es ging bergab mit ihren Jungens, auch mit den Schwiegersöhnen. Die Töchter klagten bitter darüber. Der Schnapsteufel verschlang jeden Sparpfennig und alle Vernunft. Von Herrgott und Sterben durfte sie nicht sprechen, wohl aber ein endloses Gezeter über die Pfaffen anhören. Thieß, der Älteste, wollte heiraten, aber ohne Kirche. Jan, der Jüngste, wanderte von einer Braut zur anderen. Alles gegen den Strich. Beide Töchter starben im Kindbett, sie mußte Waisenmutter spielen.

Gegenseitiges Sorgen gab es nicht. Jeder ging seinen Weg. Nur sie als Mutter verband die Familien.
Die Schwiegertöchter kamen von der Theke, hatten hübsche Grübchen in den Wangen und gebrannte Locken. Natürlich auch Löcher in den Strümpfen und keine Ahnung vom Haushalt. Frau Seeps Haar wurde weiß darüber und ihre Haltung gebrochen. Sie hatte ausgespielt. Ihr Wort galt nichts mehr. Die jungen Leute um sie herum wirtschafteten modern, ohne Gott, ohne Gebote, ohne Klugheit und Fleiß, ohne einen einzigen Gedanken über sich selbst hinaus. Wenn Kinder ankamen, mußte sie deren Taufe mit Bitten und Flehen durchsetzen. Zur Kirche gingen ihre Söhne nur mehr bei Beerdigungen ….
Es ging bergab. Auch mit Frau Seeps Gesundheit. Sie brauchte schon einen Spazierstock, um zu gehen. Ihre Hände welkten, ihre Augen verloschen. Sie konnte und wollte nicht mehr helfen und schaffen. In allen Familien ihrer Kinder herrschte Mißwirtschaft. Es wurde geborgt und auf Teilzahlung gekauft. Im Küchenschrank gab es nur Lohntags volle Bretter. Dann wurde drauf los gebraucht, bis nichts mehr da war. Und dann hüb das Schimpfen an: über die Reichen, die Kapitalisten, die Juden usw.
Ihr Ältester mußte eines Tages nach Belgien flüchten. Die Polizei suchte ihn wegen Falsch-münzerei und verbotenen Kartenspiels. Jan, der Jüngste, ging auch verdorbene Wege. Ihre Kinder würden kein gutes Ende nehmen, das war sicher.
Das war die Hefe in Frau Seeps bitterem Lebensbecher. Sie trank auch die Hefe in Gottes Namen und meinte tapfer zum Herrgott hinauf: »Gib du ihnen eine ordentliche Tracht drauf!« So ging sie sterben, abgekämpft und müde. An ihrem Begräbnistag gingen ihre Kinder zum letztenmal in die Kirche. Die Kindeskinder aber legten gleich nach der Schulzeit das Gebetbuch endgültig fort und traten daheim als Kostgänger auf.
Die Mädchen trieben wie die Knaben mit fünfzehn Jahren ihren Flirt. Vier der jungen Enkel waren mit neunzehn Jahren Vater. Die militärlose Zeit erlaubt ja so junge Familien. Die vier vorehelichen Kinder aber blieben und bleiben ohne Geschwister. Bleiche Frauen hüten die Heimstatt, die keine ist, noch kaum je eine werden wird. Familienbande gibt’s nicht mehr, außer einem. Onkel Jan ist nämlich »Arbeiterführer« ge-worden und vertritt energisch seine Parteiinteressen. Die Kinder auf der Straße nennen ihn den Onkel, der so reich ist…

Heinrich Kautz , 1926

Die „Versuche zur Seelenkunde der Industriejugend“ von Heinrich Kautz erschienen 1926 unter dem Titel „Im Schatten der Schlote“ in der Verlagsanstalt Benziger & Co, Einsiedeln