Hamborn gehört Thyssen

Von dem Städtebild im allgemeinen wenden wir uns nun den Wohnungsverhältnissen zu. Um von vornherein ein richtiges Bild davon zubekommen, wer eigentlich der Beherrscher des Grund und Bodens und damit auch zum grössten Teil der Beherrscher des Wohnungswesens in Hamborn ist, gebe ich folgende Zusammenstellung (s. S. 23) der grösseren Grundbesitzer der Stadt Hamborn. Der Gesamtflächenraum der Gemeinde beträgt 2243,0312 ha. Von dieser Gesamtfläche ist der weitaus grösste Teil, nämlich 1309,7846 ha in Händen der Grossindustrie, Gewerkschaft Deutscher Kaiser, Zeche Neumühl und Zinkhütte. .Thyssen hat sich allein ein Areal von 999,1961 ha gesichert, dem gegenüber steht die Gemeinde mit einem sehr kleinen Grundbesitz von 86,1128 ha.

Zusammenstellung der grösseren Grundbesitzer der Stadt Hamborn nach Angaben des städtischen Vermessungsbüros:

Name des Besitzers ungefähre Größe des Besitzes
April 1911
Hiervon gewerbliche Anlage Hiervon Hofraum, Kolonie- und Wohnhäuser etc. Landwirtschaftliche oder brachliegende Flächen
ha ar qm ha ar qm ha ar qm ha ar qm
Gewerkschaft Deutscher Kaiser 999 19 61 322 00 00 125 552 19 61
Zeche Neumühl 197 62 95 24 00 00 130 23 52 95
Stadt Hamborn einschl. Plätze 86 11 28 7 82 49 21 67 34 66 61 45
Aktiengesellschaft für Zinkindustrie 113 08 90 36 11 67 05 90
Verschiedene kleine Eigentümer 612 71 33 l 90 80 37 12 96

Der Vorrang, den der Thyssensche Besitz in der Gemeinde einnimmt, kann ihm auch von den andern Industrie-Vertretern mit ihren verhältnismässig kleineren Besitzanteilen nicht streitig gemacht werden; aber immerhin haben auch diese eine bedeutende Zahl vor dem Gemeindegrundbesitz voraus.

Auch diese Zahlen geben uns ein Bild von der sprungartigen Entwicklung der Gemeinde. Weitsichtige, kühne Unternehmer hatten den Grund und Boden fast allein unter sich verteilt, ehe die jetzt zur Gemeinde Hamborn vereinigten Dörfer auch nur daran dachten, welche Entwicklung ihnen bevorstand.

Der Zusammenschluss der Dörfer zur Gemeinde Hamborn erfolgte also nicht von innen heraus, wie es sonst die Entwicklungsgeschichte der Grossstädte zeigt, wo eine allmähliche Anhäufung der Menschen und Häuser eine solche Vereinigung notwendig macht, sondern hier geschah sie, weil fast über Nacht der Erfolg die Unternehmer zwang, Arbeitermassen anzuhäufen, die unter ein einheitliches Gemeinwesen gestellt werden mussten.

Es ist natürlich, dass die private Bautätigkeit den Anforderungen der in so kurzer Zeit neu hinzuströmenden Arbeitermassen nicht genügen konnte. Deshalb übernahmen die grössten dort ansässigen Industrie-Vertreter, Gewerkschaft Deutscher Kaiser, Zeche Neumühl und Zinkhütte für einen grossen Teil ihrer Arbeiter die Wohnbeschaffung. Die in der obigen Tabelle gezeigte Zusammenstellung der größeren Grundbesitzer der Stadt Hamborn gibt gleichzeitig ein Bild von der für Wohnhäuser der Arbeiter gebrauchten Grundfläche.

Hier fällt uns auf, daß der Gewerke Thyssen, der eine Durchschnittsbelegschaft von 13345 Bergleuten und 8293 Fabrikarbeitern hat, nur 125 ha für Koloniebauten, während die Zeche Neumühl mit durchschnittlich 5433 Arbeitern zu ihren Wohnungsbauten einen Flächenraum von 130 ha in Anspruch nimmt. Die Gewerkschaft Deutscher Kaiser hat auf diesem Gelände insgesamt 2500 Wohnhäuser aufgerichtet, welche zusammen über 7000 Familien Wohnung bieten. Davon sind 1944 Koloniehäuser mit insgesamt 6567 Wohnungen von Bergarbeitern bewohnt. Das Steinkohlenbergwerk Neumühl hat auf der oben angegebenen Fläche 800 Wohnhäuser für etwa 2800 Familien errichtet.

Aus diesem Unterschied der Raumbenutzung der Grundfläche ergibt sich bereits ganz klar die Bauart der von den verschiedenen Industriellen angelegten Kolonieviertel. Die Gewerkschaft Deutscher Kaiser hat ihre Koloniehäuser in der großen Mehrzahl 2- und 3-stöckig in geschlossener Bauweise errichtet. Die vor 1900 erbauten Häuser stehen inmitten größerer Ländereien und machen eher den Eindruck ländlicher Niederlassungen, sind also einstöckig. Auf ihre Einrichtung wurde nur wenig Wert gelegt.

Die Zimmer sind niedrig und klein und die engen Fenster lassen nicht allzuviel Licht und Sonnenschein herein.

Dagegen sind die nach 1900 erbauten Häuser, was innere Ausstattung anlangt, vielmehr den Anforderungen der Hygiene gerecht geworden. Geräumige Wohnküchen mit eingemauerten Kochherden, Speisekammern, Spülräume mit Spülbecken, luftige Zimmer mit Balkonen oder logienartigen Einbauten versehen, geben, rein äußerlich genommen, den Koloniewohnungen ein freundliches Aussehen. Diese neueren Häuser sind in geschlossener Bauweise zwei- oder dreistöckig errichtet, in denen auf jeder Etage zwei Familien wohnen, so daß im Verhältnis zu den Häusern alten Stils die Bewegungsfreiheit des Einzelnen ziemlich eingeschränkt ist.

Auch der Verwaltungsbericht der Gemeinde Hamborn vom Jahre 1906 weist (auf) Seite 94 mit folgenden Worten auf diesen Fehler hin: „Wünschenswert wäre es, wenn die Gewerkschaft Deutscher Kaiser im Interesse ihrer Arbeiter von dem Bau der großen Arbeiterwohnhäuser (sogenannte Mietskasernen) wieder abgehen und kleinere Gebäude mit einem besonderen Eingang für jede Familie errichten würde.“

Während die vor 1900 erbauten Häuser einen Gartengrund von circa 25 Quadratruten gleich 3 ar 55 qm unmittelbar in der Nähe des Hauses liegen haben, können die in den neuerbauten Häusern wohnenden Mieter ein Stück Land von der Eigentümerin Gewerkschaft Deutscher Kaiser nur in weiterer Entfernung haben. Die Gewerkschaft hat auch sogenannte Schrebergarten anlegen lassen, die unentgeltlich denjenigen Arbeitern überlassen werden, welchen infolge des Bausystems keine Gärten in unmittelbarer Nähe der Wohnung überwiesen werden konnten. Die Wohnungen bestehen aus 2, 3, 4, 6, 6 und 7 Zimmern und kosten je nach Lage und Größe 4 Mark bis 4,50 Mark pro Zimmer und Monat, dazu kommt für die Benutzung des eingemauerten Herdes monatlich 0,75 Mark und 0,80 Mark Wassergeld, also insgesamt 5,55—6,05 Mark.

Die Koloniestrassen des älteren Teiles sind noch nicht kanalisiert und machen mit dem Gemisch von Seifenlauge und Spülwasser, das an der Straße herunterläuft, keinen sauberen Eindruck. Diesem Zustand ist in den neueren Vierteln durch Kanalisation abgeholfen. Die Zeche Neumühl hat durchweg nur offene Bauweise eingeführt. Hier ist jedes Haus in eine vordere und eine hintere Hälfte eingeteilt, jede Hälfte hat ihren besonderen Eingang, so daß die Familien sich gegenseitig weniger „in die Töpfe sehen“ können. Die Häuser sind von Vorgärten eingerahmt und liegen an breiten schön gepflasterten Straßen.

Jede Familie ist im Besitze eines kleinen Gartens, m dem die Leute je nach Fleiss und Geschick ihren Bedarf an Gemüse ziehen. Auch der Bebauungsplan dieser Kolonie hebt sich von demjenigen der vorhergenannten vorteilhaft ab. Die Strassen ziehen sich in freundlichen Rundungen dahin, bewirken dadurch mehr den Eindruck einer Gartenkolonie als einer Arbeiterkolonie. Die Mietpreise sind dieselben wie die bei der Gewerkschaft Deutscher Kaiser.

Die Zinkhütte hat nur wenige Koloniehäuser aufgeführt, die zwar auch einstöckig in offener Bauweise errichtet und von einem Garten umgeben sind, aber wo die giftigen Gase der Zinkhütte hinströmen, bringt der Boden keinen Ertrag.

Entnommen aus: „Die wirtschaftliche und soziale Lage der Frauen in dem modernen Industrieort Hamborn im Rheinland“ – Inaugural-Dissertation zur Erlangung der Doktorwürde einer hohen staatswissenschaftlichen Fakultät der Erhard-Karls-Universität zu Tübingen , vorgelegt von Li Fischer-Eckert aus Hagen in Westfalen. Verlag von Carl Stracke 1913