Ein Freuden- und Jubeltag für Groß-Hamborn

Ein Freuden- und Jubeltag für die gesamte nunmehr 103500 Seelen zählende Bevölkerung Groß-Hamborns, ein Tag von hervorragender Bedeutung in der Geschichte unserer Gemeinde ist der l. April 1911, der Tag ihrer Erhebung zur Stadt, unter gleichzeitiger Bildung eines eigenen Stadtkreises, des lOOsten im Königreich Preußen.

Mit Dank gegen alle, insbesondere auch gegen die Königlichen Staatsbehörden, welche an der Erreichung dieses Zieles mitgearbeitet oder die darauf gerichteten Bestrebungen der Gemeinde unterstützt haben, wird die Verleihung der Stadtrechte von der Bürgerschaft und Verwaltung Hamborns als Preis ihres jahrelangen friedlichen Ringens und Schaffens, ihres mühevollen, aber auch von Erfolgen gekrönten Wirkens für die Entwickelung und Größe der Gemeinde und damit zugleich für die Mehrung der kulturellen und wirtschaftlichen Güter unserer Nation gefeiert.

Hamborn hat sich innerhalb zweier Jahrzehnte nicht nur zur Industriegroßstadt sondern auch zu einem durchaus modernen Gemeinwesen entwickelt. Wohl nie entfaltete sich eine Gemeinde nach fast tausendjährigem, wirtschaftlichem und politischem Stillstande in so verhältnismäßig kurzer Zeit aus eigener Kraft zu solcher Blüte und Machtfülle wie Hamborn.
Dabei ist es interessant festzustellen, daß das Weichbild der heutigen Großstadt Hamborn fast genau denselben geographischen Bezirk umfaßt, wie vor über tausend Jahren die Urdeutsche Mark Hamborn im fränkischen Ruhrgau und das spätere Kirchspiel Hamborn im Herzogtum Kleve, nämlich das Gebiet zwischen Emscher und Aldenraderbach bis zum Rheine, nördlich von Walsum, Hiesfeld und Holten und östlich von Sterkrade begrenzt.
Wenn auch keine schmucken Berge mit sagenumwobenen Burgen und stolzen Schlössern die Emscher- und Rheinniederungen von Hamborn umsäumen und die ausgedehnten Wälder infolge der fortschreitenden Bebauung nach und nach verschwunden sind, so besitzt die Gegend doch eine große Anziehungskraft durch den im Erdinnern lagernden „schwarzen Diamanten“, dessen Wert durch die Nähe des sie begrenzenden gewaltigen Rheinstromes noch gesteigert erscheint.

Wie in früheren Jahrhunderten aus der stillen klösterlichen Einsamkeit der Abtei Hamborn reicher Segen des Geistes nicht nur in der engeren Heimat, sondern auch weit über die Grenzen des Niederrheins hinaus verbreitet wurde, so werden heute die Produkte des Bergbaues und der Industrie, des Handels und der Gewerbe Hamborns bis in ferne Erdteile versandt und geben dort Zeugnis von dem Bestehen und der gewerblichen Bedeutung der Gemeinde. Arbeit hat Hamborn groß gemacht, Arbeit wird es zu weiteren Erfolgen führen.

„Rastlos vorwärts mußt du streben;
Nie ermüdet stille stehn
Willst du die Vollendung sehn!“

Wie schon oben angedeutet, hat Hamborn seine Geschichte. Ist es doch ein Teil der niederrheinischen Lande, die stets im Brennpunkte der geschichtlichen Ereignisse lagen, ein Stück des heiß umstrittenen Bodens, den in alter Zeit Kelten, Germanen und Römer, in späteren Tagen Deutsche und Franzosen in erbittertem Kampfe einander streitig machten.

Wirtschaftlich befand sich Hamborn jahrhundertelang im Stillstande. Erst in der Mitte des vorigen Jahrhunderts kam allmählich Leben in unsere Gemeinde, bis diese endlich nach und infolge der Reichsgründung, fast über Nacht zu ihrer heutigen Bedeutung gelangte. Dieses Wunder bewirkte das Steinkohlengebirge, welches bereits in einer Teufe von 120
bis 250 m und in einer bedeutenden abbauwürdigen Mächtigkeit im Gemeindegebiet festgestellt wurde. Seitdem hat hier die Großindustrie alles in ihren. Bann geschlagen. Unter dem Schütze des starken neuen Deutschen Reichs konnte sich diese, geleitet von hervorragenden, weitschauenden Männern der Technik und Wissenschaft zur höchsten Blüte entfalten.

Wo noch vor 50 Jahren die alteingesessene Bevölkerung von kaum mehr als 1000 Einwohnern, aus Landwirten, Kleinbauern. Handwerkern und Tagelöhnern bestehend, nur kärgliches Auskommen fand, leben heute Zehntausende und abermal Zehntausende — Stammesgenossen aus allen deutschen Gauen, auch Österreichs, sowie Angehörige aller sonstigen Nationalitäten des Kontinents — friedlich und arbeitsam nebeneinander auf demselben Boden, den einst ihre Vorfahren vor über 1000 Jahren in gegenseitigem Rassenkampfe mit ihrem Blute getränkt haben.

Besonders mächtig hat sich Hamborn seit dem l. April 1900 dem Tage der Erhebung zum Bürgermeisterei- und vergrößerten Gemeindeverband entwickelt.
Seine nunmehrige Erhebung zur Stadt stellt an die Verwaltung und Bürgerschaft Hamborns auf allen Gebieten des kommunalen Lebens neue große Aufgaben. In weit größerem Maße als bisher wird die Bürgerschaft zur Mitwirkung bei der Lösung dieser Aufgabe berufen werden. Denn die Gewährung städtischer Freiheit und Selbstverwaltung hat naturgemäß auch ein größeres Maß bürgerlicher Pflichten im Gefolge. Bürgersinn und Gemeingeist müssen daher immer mehr geweckt und gepflegt werden. Dazu soll auch diese Schrift beitragen, welche als Festgabe für die Bürgerschaft Hamborns zur Feier der Verleihung der Städterechte an die Gemeinde erscheint.

Vielen Tausenden ist Hamborn in den letzten Jahren eine neue Heimat geworden. Die Bewohner Alt-Hamborns und der zugehörigen Ortschaften sind in der Zeit „im Strudel der Völker“ völlig aufgegangen. Unsere Jugend kennt Hamborn bereits als „Land wo meine Wiege stand“. Deshalb soll diese Schrift zugleich dem heranwachsenden Geschlecht die Kenntnis der Vergangenheit vermitteln, damit es die rechte Wertschätzung gewinnen möge für das Erbe der Väter und angeregt werde, das teure Gut zu wahren und zu mehren durch redliche Arbeit im Dienste der Allgemeinheit!

Bei Bearbeitung der Festschrift ist der Gemeindeverwaltung von verschiedenen Seiten, insbesondere auch von den Vertretern der Großindustrie urkundliches und statistisches Material nebst Zeichnungen und Abbildungen bereitwilligst zur Verfügung gestellt worden. Allen diesen Herren sei auch an dieser Stelle für ihr liebenswürdiges Entgegenkommen besonders gedankt.

1. April 1911, bearbeitet und herausgegeben von der Gemeinde-Verwaltung

Festschrift zur Feier der Erhebung Hamborns zur Stadt vom 1. April 1911