Koloniewohnungen 1911

Fast in jedem Verwaltungsbericht nimmt die Gemeindeverwaltung Gelegenheit, den Industriellen den Bau guter Koloniewohnungen ans Herz zu legen, und zwar, wie sie in dem Bericht von 1907 Seite 131 schreibt, aus folgendem Grunde:

»Gerade hier in Hamborn mit seiner stark wechselnden Bevölkerung und bei der Schwierigkeit der Arbeiterbeschaffüng überhaupt, erscheint die Arbeiterfrage und die Sesshaftmachung der Bevölkerung wesentlich eine Wohnungsfrage zu sein und es bedarf daher besonderer Anstrengung und Aufwendungen der grossen Werke, um ihren Kolonien einen anheimelnden, wohnlichen Charakter zu geben, in welchen nicht nur das Äußere und Innere der Häuser durch zweckmässige und gediegene Anordnung anziehend wirkt, sondern in die auch durch gärtnerischen Schmuck, durch getrennte Gartenanlagen und Kinderspielplätze und andere soziale Einrichtungen ein die Bewohner anziehender und ein darin haltender Reiz hineingelegt wird.“

wolfstrasse 3

Während die Gewerkschaft Deutscher Kaiser den Bau der sogenannten Mietskasernen bis in die neuste Zeit, „wegen Platzmangel“, wie sie schreibt, beibehalten hat, hat sie in bezug auf die Errichtung von Spielplätzen den Rat der Gemeindeverwaltung befolgt.   So weist sie neben anderen kleineren Spielplätzen eine besonders grosse Anlage von rund 50 ar auf, die mit verschiedenen Spiel- und Turngeräten und Sandhaufen zum Spielen ausgestattet, sowie mit Rasen, Baum- und Strauchanlagen bepflanzt ist.

„Ein Milchhäuschen, worin den Kindern gegen billiges Entgelt eine gute und einwandfreie Milch verabreicht wird, und das ihnen gleichzeitig als Unterschlupf bei Regenwetter dient, sowie eine Bedürfnisanlage vervollständigen den Platz. Infolge seiner Lage in dem Mittelpunkt der grössten Arbeiterkolonie und in unmittelbarer Nähe der katholischen Kirche wird der Spielplatz täglich von mehreren hundert Kindern besucht.“

Rein äusserlich betrachtet lässt sich gegen diese freundlichen Koloniewohnungen nicht das geringste einwenden. Sie sind geräumiger und wesentlich billiger als diejenigen in Privathäusern. Ich habe auf meinen Untersuchungen Wohnungen in Privathäusern gefunden, die jeder Beschreibung spotten. Schmierige dunkle Treppen, kleine, einfenstrige Zimmer im dritten oder vierten Stock gelegen, wo Familien für zwei Räume, — Stube und Küche — 17 Mark bezahlen mussten, während sie in einer Koloniewohnung mit entsprechend grösseren Räumen nur 8 bis 9 Mark zu bezahlen hätten. Die besser gelegenen Räume in den Privathäusern sind entsprechend noch teurer.

Die private Bautätigkeit hat im Verhältnis zur wachsenden Bevölkerung nicht Schritt halten können, im Gegenteil, sie ist sogar im Laufe des letzten Jahrzehnt immer mehr zurückgetreten, wie folgende Übersicht über die Entwicklung der Kolonie- und  Privatbauten zeigt:

Übersicht über die Entwicklung der Kolonie- und Privatbauten.

Jahreszahl Deutscher Kaiser Zeche Neumühl Zinkhütte Privathäuser Private Bautätigkeit im Verhältnis zur Gesamtbautätigkeit in %
1900 26 36 2 88 32
1901 21 64 3 60 18
1902 74 107 8 124 24
1903 149 58 6 162 26
1904 146 58 1 290 34
1908 203 25 7 305 31
1906 135 51 1 250 28
1907 48 135 88 13
1908 60 46 35 6,2
1909 88 15 6 60 8,26
1910 84 69 113 17

Diese Zahlen geben ein deutliches Bild von dem Überwiegen der Koloniehäuser über die Privathäuser.

in: „Die wirtschaftliche und soziale Lage der Frauen in dem modernen Industrieort Hamborn im Rheinland“ – Inaugural-Dissertation zur Erlangung der Doktorwürde einer hohen staatswissenschaftlichen Fakultät der Erhard-Karls-Universität zu Tübingen , vorgelegt von Li Fischer-Eckert aus Hagen in Westfalen. Verlag von Carl Stracke 1913