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Alle Samstage fehlte der Zwölfjährige

Ein Familienbild

Chronik Duisburg-Hamborn Zeitzeugen, Schicksale, Biographien Heinrich Kautz Industriejugend

Alle Samstage fehlte der Zwölfjährige.   Die Entschuldigungszettelchen kamen bald mit diesem, bald mit jenem Grunde heran. Einmal war es Krankheit der Mutter, ein andermal mußte sie junge Schweine kaufen gehen, mußte verreisen, war bei Verwandten pflegen, die Großmutter war gekommen aus Posen, der Kleinste hatte Krätze bekommen usw. Als alle erdenkbaren Entschuldigungen hergehalten hatten, kam auch einmal die Wahrheit dran. Da hieß es: »Ich mußte putzen!«

Juppi hieß er, war körperlich zurückgeblieben, klein und schmal wie ein Neunjähriger, lief fast das ganze Jahr hindurch barfuß und war ein sehr heller, sinniger Kopf. Er sang wie eine Lerche, konnte außergewöhnlich gut vortragen, las wie ein Dichter und verstand die Lüge und Mimik wie ein berufsmäßiger Bettler. Seine Lehrer hatten ihn durchweg nicht verstanden, darum haßte er sie mit Pfiffigkeit. Die Lehrer konnten ihn nicht verstehen, was wußten sie denn von seinem Aschenbrödelleben, seiner Pflicht, Montags zu waschen und Samstags das Haus zu putzen, die kleinen Kinder zu baden und mit groben Stichen ihre Strümpfe zusammen zu ziehen ?

Die Mutter schlief lange, machte sich fein, brannte sich die fettigen Haare, stemmte die Arme in die Seite und sprach mit den Männern und Frauen der Nachbarschaft über Regierung, Frauenwahlrecht, Kapitalismus, Sozialisierung usw. Juppi hörte das zu oft. Wo in der Schule die Weisheit seiner Mutter vor den graden Lehrsätzen der Religion wie Seifenblasen zerplatzte, da wagte er manchmal eine kluge Frage. Wo in Geschichte oder Geographie irgend eine Erfahrung die sozialistische Professur seiner Mutter ins Wanken brachte, da erkundigte er sich genauer. Seine Zweifel an der historischen Existenz Christi kleidete er einmal in die Worte: »Herr Lehrer, kann man nicht Ausgrabungen machen in Jerusalem und in Kapharnaum, um Erinnerungen an Jesus zu finden? Ich habe in der Zeitung gelesen, was in der Bibel stände, wäre nur so zusammen geschrieben?«

So fiel Juppi stets auf. Viele nannten ihn altklug, vorwitzig, naseweis. In Wirklichkeit aber wagte der Junge mit hellem Sinn eine Stichprobe auf die Beschlagenheit seiner Lehrer. Der weiß viel, der weiß nichts, der liest ab, der ist froh, daß er hauen darf — das waren seine freimütigen Urteile.

Alles wäre im Geleise geblieben, wenn Juppi nicht allzu oft in der Versäumnisliste gestanden hätte. Das gab trotz des Krieges und der lockeren Büroführung ein Gerichtsverfahren. Der Vater, bereits im Äußeren der Typ einer gesunkenen Existenz, vertrat seine Sache vor dem Richter frank und frei. Er verlor wegen überführter Schuld. Dann griff er zur Rache. Von Haus zu Haus pilgerte er mit seinen Verdächtigungen gegen die Lehrer, und als zu Ostern das Zeugnis seines Juppi ungünstig ausfiel, richtete er mit Hilfe der Partei-Rechts-beratung eine Beschwerde um die andere an die Behörden, schließlich an den Minister. Natürlich umsonst. In der Zeit der Revolution war der struppig-ruppige Mann oben drauf. Er saß im hohen Rat, verteilte Fett für den Betriebsrat und wartet heute auf die Sowjetregierung in Deutschland. Seine Frau ebenso.

Über ihre Heimat schweigen die beiden. Verwandte haben sie rundum nicht. Freunde auch nicht. Rechthaberei und Streitsucht hüllt sie ein. Alle Nachbarn schließen die Häuser zu vor Juppis Mutter, die ewig alles leihen geht und nichts wiederbringt. Ihre drei Kleinen verkommen fast im Schmutz. Käme nicht Juppi manchmal heim mit vollen Taschen und einem barmherzigen Bruderherzen, dann wäre es noch trauriger. Er dient in einer Gemüsehandlung, zieht mit auf den Markt und hat früh frei. Andere Arbeit ließ sich für ihn wegen seiner geringen Größe und Kraft nicht finden. Nun steht er Tag um Tag am Stand, wiegt, rechnet, schreit mit seiner schönen Stimme die Waren aus und macht »ausverkauft«, Seine Herrin bettelt er um Obst oder Südfrüchte für die Kleinen an daheim.

Sie gibt Juppi nicht karg, und der eilt stets flink nach Hause, spielt mit den Kindern, füttert und wäscht sie, besorgt sie zu Bett, spült, räumt auf, kocht sich etwas und liest dann Zeitung. Natürlich Parteipresse. So liest er alle Tage, wartend, bis der Vater brummend und angetrunken hereinstolpert, oder die Mutter mit heißen Wangen von ihren Debatten sich ins Zimmer schleicht, und wer weiß wie geschäftig rumort und redet. Und Juppi sieht, daß das Leben daheim in nichts dem ruhigen, trauten Heim der Romane und Filme gleicht, und beginnt, seine Luftschlösser zu bauen und von jemand zu träumen, der ihn erlöst aus seiner Wildnis. Zum Schluß, wenn der Vater bereits schnarcht, erzählt ihm die Mutter von ihren neuen politischen Einsichten, ihrer Tätigkeit in Diskussionen, ihrem Rednertalent und von Polen und Rußland.

»Juppi,« sagt sie dann allemal, »möchtest du nicht dahin und Offizier werden oder Magazinverwalter?« Der kluge Bursche sieht ihr ruhig ins flackrige Auge und sagt kühn: »Gewiß Mutter, aber erst haben ein Gewehr und dann schießen. Du und der Vater habt ja den Lohn allein nötig, ihr trinkt ja, ihr zwei. Laß man!« Und dann kriecht er in sein schmutziges, übelriechendes Bett. Und träumt dann doch von Polen und Rußland, von Offizier und Magazinverwalter, von Kraft, Größe und Ruhm.

Die "Versuche zur Seelenkunde der Industriejugend" von Heinrich Kautz erschienen 1926 unter dem Titel "Im Schatten der Schlote" in der Verlagsanstalt Benziger & Co, Einsiedeln

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