Eisen, Hüttenrauch und familiäres Elend

Inmitten einer Welt von Eisen, Hüttenrauch und familiärem Elend wächst das Industriekind auf. An seiner Wiege fehlen die Musen und Grazien, die ihm holde Zaubersprüche widmen. Nur die finstere Fee des Elends erhebt ihren knöchernen Finger und deutet vielsagend auf das Land der Zukunft hin.

Vielleicht gehört es zu der Kategorie der Überzähligen zu den Unwillkommenen. Dann ist ihm der härteste, dornigste Erdenweg zugeteilt, den nur ein Mensch gehen kann. Der Tod bedeutet für diese allerärmsten Erlösung.

Tatsächlich belegt die Erfahrung uns diese Seite der „Kinderfrage“ mit entsetzlichen Beispielen. Bis zum Kriegsausbruch brachten uns die Zeitungen und gerichtlichen Urteile immer wieder die Umtriebe der Engelmacher und Engelmacherinnen, der gwerbsmäßigen, internationalen Kinderhandelsinstitute ans Licht. Der Armenpfleger, die Waisenpflegerinnen und die Polizeiassisteninnen, wie überhaupt die Kinderfürsorge berichten andauernd von Fällen tragischen Kinderelendes. Henriette Arndt stellte in ihrem Buche „Kleine weiße Sklaven“ eine Unmenge von Fällen zusammen, in denen Kinder sder Industrie und der Großstädte den abscheulichsten Instinkten menschlicher Bosheit zum Opfer fielen. Ist Brentanos Lied vom Kinde vberstummt, verhallt? –

Man mag sich unter der Industriejugend nach allen Seiten umsehen: Überall entdeckt man Vernachlässigung, Verkümmerung. Überall blickt nacktes Elend heraus. Die Umwertung menschlicher Lebensformen durch die Industrie, die so große Gegensätze mit sich brachte und am Schlimmsten im Mikrokosmos der Familie zur Geltung kommt, muß notwendig das Industriekind treffen. Der Eltern Egoismus und „Unerzogenheit“ offenbart sich am Kind in höhererer Potenz. Wohl begegnet einem auch unter der Industriebevölkerung manchmal ein Strebergeist, der um jeden Preis in den Kindern die Kluft überbrückt haben will, die arm von reich und den Arbeiter von den höheren Ständen scheidet. Dieser Geist des „self-made-mans“ aber hat einen erstickend scharfen Hauch. Was Wunder, wenn er zwar äußeren Fortschritt bringt, die Seele aber kümmern und darben läßt. Der Durchschnitt ist beherrscht von dem dumpfen Druck seiner Atmosphäre. Er sieht in den Kindern Faktoren, mit denen er später rechnen wird.

in: Heinrich Kautz , Um die Seele des Industriekindes ,1918 , S. 41f

Heinrich Kautz schrieb im Mai 1918 über seine Erfahrungen als Lehrer in Hamborn das Buch „Um die Seele des Industriekindes“ , erschienen im Verlag L. Auer, Pädagogische Stiftung Cassianeum in Donauwörth