Tagelöhnerhäuschen

In einem der stockalten Tagelöhnershäuschen wohnte sie, die Mutter Sweda. Galizien war ihre Heimat. Von dort war sie mit Kindern und Kindeskindern einem Industrieagenten gefolgt und in jenes rauchgeschwärzte Häuschen eingezogen. Sie hatte ihre sechs Töchter, mit Ausnahme der Jüngsten, alle verheiratet. Drei ihrer Töchter zogen 1910 nach Amerika, die vierte zog nach Gelsenkirchen, die fünfte starb an der Ruhr, der Schwiegersohn heiratete bald eine Polin und zog nach Posen. Der elterliche Bauernhof bei Lemberg brannte ab, die Eltern verarmten und gingen wieder tagelöhnern.

Schreiben konnten sie nicht, und so blieben die Nachrichten aus. Die Briefe aus Amerika kamen auch nicht häufig, und Mutter Sweda hatte Sorgen und Gedanken genug. Ihren Mann packte die Altersschwäche, er verblödete zusehends. Seine Altersrente reichte nicht für den Haushalt. Na, sie schaffte eben für zwei. Sie ging aus waschen, hatte Garten und Stall, suchte sich Brennholz und Kohlen mit unermüdlichem Fleiß. Kein Nagel oder Holzstückchen, das sie nicht aufnahm. Sie schnitt sich selbst ein Tragholz, machte sich Riemen daran und trug so mit steifen Schultern die schweren Eimer Küchenabfall zusammen. Mutter Sweda verstand etwas von der Schweinezucht. Die fetten Tiere wurden an den Metzger verkauft, und der Erlös brachte Decken, hier und da ein Stück Möbel, warme Kleider usw. ins Haus. Aber es ging doch nicht nach Mutter Swedas Willen.

Sie war und blieb arm, ihre Kinder schrieben kaum, keines schickte ihr eine Unterstützung, der alte Mann brauchte viel mühsame Pflege, und ihre Jüngste war schmal und schwächlich. Mit einer wirklichen Pferdenatur gab sich die tapfere Alte ihren Pflichten hin. Munter war sie immer, und wenn ihr auch die Mühseligkeitstropfen wie Tränen über die Backen rollten. Ihr Wort und Witz waren derbe, aber mit den Schlechtigkeiten so mancher Frauen wollte sie nichts zu tun haben. »Müßt´ sich ja mein´Mutter vor mir schämen!« pflegte sie stolz zu sagen, oder: »Döß hob ich gar nicht netig!« Sie litt es auch nicht, daß ihre Jüngste auf die Fabrik ging. Nein, die Gisa sollte nähen lernen. Um Kundschaft sorgte sich die alte Frau nicht, die würde sich schon einstellen. Drei Lehrjahre, nein, das ging nicht. Das Nähen mußte sich auch in einem Jahre lernen lassen, höchstens dann noch ein Zuschneidekurs.

So wurde es gemacht. Vom 16. bis 17. Jahre saß Gisela in der Nähstube. Sie blieb bleich und schmal dabei. Es ging ihr genug schönes Zeug durch die Finger, um Appetit danach zu bekommen, die Modeblätter, der Spiegel und die flotte Phantasie machten das Übrige. Die erste Folge war, daß Gisa sich selbst schick kleidete. Sie bekam Geschmack an besseren Tagen und Blick für Männer. Als das Lehrjahr um war, kaufte Mutter Sweda eine Nähmaschine auf Teilzahlung und suchte Kundschaft für ihre Tochter. Aber da stieß sie auf Widerstand. Eine Näherin von 17 Jahren mit nur einem einzigen Lehrjahre konnte nichts Besonderes leisten, urteilten die Vorsichtigen, und so begann Gisa ihre Tätigkeit als Hausnäherin. Das geringe Einkommen, die Kost außer dem Hause, das lange Ausbleiben am Abend gefielen der Mutter nicht. Gisa aber umso besser.

Eines Tages kam sie mit dem Unglück nach Hause. Frau Sweda war außer sich. Gisa erhielt eine schwere Tracht Prügel, der arme, alte Blödsinnige kroch scheu hinter den Ofen. Alle Aufregung, aller Ärger, alle Wut machten das Geschehene nicht ungeschehen, und schließlich schickte sich die verhärmte, alte Frau mit verbissener Miene. Von dem Tage an, da ihre Jüngste mit der Schande heimkam, war sie verbittert. Sie begann zu hassen. All ihre Tage waren schwer von Armut und Enttäuschungen, die Kinder hatten sie verlassen und vergessen, keine Menschenseele sorgte sich um sie, ihre Jüngste hatte sich an die Liederlichkeit verkauft aus lauter Leichtsinn, es war einfach zu viel. Und darum haßte sie aus lauter, bitterer Ohnmacht.

Im Anfang des Krieges starb der arme Blödsinnige. Niemand weinte ihm eine Träne nach. Er wurde auf Kosten der Armenverwaltung begraben. Nun, an seine Stelle rückte der unwillkommene Enkel. Erst die monatelange Pflege des strammen Kleinen milderte den herben Sinn der Großmutter. Als der Kleine ein halbes Jahr alt war, wollte Gisa ihn abgeben gegen Geld. Das aber litt Frau Sweda nicht. Sie raffte sich noch einmal auf und sprach durch. 1917 kam Gisa mit gefangenen Russen in Berührung, verlor sich an einen schlanken, wilden Steppensohn und machte sich mit ihm dadurch.

Frau Sweda alarmierte die Polizei. In Breslau wurden die beiden Flüchtlinge festgenommen, und Gisa wurde heimtransportiert. Apathisch ertrug sie die Prügel der Mutter und begann wieder zu nähen. Bevor der Waffenstillstand kam, gab sie einem Sohne ihres Russen das Leben. Mit Friedensschluß stellte sich der Russe ein und wollte sie heiraten. Die amtliche Trauung konnte nicht erfolgen, weil die Papiere ausblieben. So heirateten sie unter sich, und er führte den bekannten Titel Kostgänger, Bis eines Tages amtliche Nachforschungen feststellten, daß ihr Bräutigam daheim in Rußland bereits eine Frau und ein Haus voll Kinder besaß. Er leugnete alles ab, war aber am nächsten Tage spurlos verschwunden.

Frau Sweda tobte und schimpfte nicht mehr. Sie sagte auch nichts, als Gisa Nacht für Nacht außer Hause war und alle Sonntage zum Ball ging. Selbst gute Nachrichten aus Amerika machten sie nicht mehr frisch. Sie war am Ende. Eines Abends, als sie die vaterlosen Söhnchen ihrer Tochter zu Bett gebracht und ihnen mit dem harten Daumen nach alter Sitte ein Kreuzchen auf die Stirne gemalt hatte, sank sie um und durfte das müde, müde Leben abstreifen. Man fand sie lächelnden Mundes mit gefalteten Händen. Gisa riß sich die Haare aus, als sie heimkam. Im Verlieren dämmerte ihr jäh der Wert der Mutter. Schnell besorgte sie sich Trauerkleidung und Trauerschleier. Etwas von der früheren Energie der toten Mutter kam über sie. Nun geht sie eilends und zielbewußt ihre Wege, vergißt aber nie, jeden Schaufensterspiegel zu fragen, wie ihr der lange, schwarze Schleier steht…

Heinrich Kautz , 1926

Die „Versuche zur Seelenkunde der Industriejugend“ von Heinrich Kautz erschienen 1926 unter dem Titel „Im Schatten der Schlote“ in der Verlagsanstalt Benziger & Co, Einsiedeln