Das Ruhrgebiet

Das Ruhrgebiet, in seinen Grenzen nicht fest umrissen, ungefähr von Dortmund bis Duisburg und von der Ruhr bis zur Lippe reichend, hat eine Reihe der verschiedensten Stadtentwicklungen und Stadttypen aufzuweisen. Im großen und ganzen kann man zwei verschiedene Ausgangspunkte der Entwicklung unterscheiden, nämlich erstens die Entwicklung aus einem alten Stadtkern, um den herum die Stadt mehr oder weniger organisch wächst, wie z. B. Dortmund, Duisburg, Essen, und zweitens die lediglich durch die Industrie entstandenen Siedlungen, die im Laufe der Zeit unorganisch zusammengewachsen und zu einer Stadt geworden sind, wie z. B. Buer, Hamborn, Gelsenkirchen.

Städte mit alter Tradition und traditionslose Neugründungen stehen hier auf engem Räume nebeneinander. Der Ausgang der Stadtgründung war bei den ,,alten“ Städten des Ruhrgebietes, die einen Stadtkern aufweisen, sehr verschieden. Vielfach ging die Entwicklung von einer Burg aus, neben der eine Siedlung entstand, die wirtschaftlich und militärisch später zu einer Stadt ausgebaut wurde. Diese befestigten Punkte wirkten an-ziehend auf die Bevölkerung und boten auch vielfach neue Ernährungsmöglichkeiten.

So war z. B. bei Duisburg, wie der Name schon sagt, die Burg der Ausgangspunkt der Stadtentwicklung. Die gleichen Gründe, die vom Heerwesen, von der Verwaltung oder dem Königshof ausgehend, die Stadtgründung anregten, führten zum Teil auch dazu, daß im Rheinland, in dem das Christentum in Deutschland zuerst Fuß faßte, Siedlungen sehr oft durch Kirchenbauten bedingt wurden. So entstanden Keimzellen einer Stadtentwicklung durch Kirchen- und Klosterbau bei bisher unscheinbaren Dörfern oder auch auf völlig neuen Plätzen. Nach dem Jahre 700 waren diese Kirchengründungen gerade östlich des Rheines sehr häufig, wodurch oftmals der Anstoß zu einer Stadt-bildung gegeben wurde (siehe: Kuske, Geschichte der rheinischen Städte. Essen 1922, Seite 12. )

Im engeren Ruhrgebiet ist jedoch keine Stadt ausschließlich auf die Gründung einer Kirche oder eines Klosters zurückzuführen; immerhin hat die Kirche auf die Entstehung der Städte Essen und Werden zumindest eingewirkt. Die Verkehrslage, die gerade heute wieder zu einem äußerst wichtigen Faktor geworden ist, hat auch vordem einen nicht zu unterschätzenden Einfluß auf die Stadtbildung gehabt.  So sagt Hassert (Hassert, Die Städte geographisch betrachtet, 1917, Seite 66) : ..Die Wurzeln einer Stadt sind ihre Wege, und zur Bedeutung der letzteren steht die Größe und Wichtigkeit der ersteren in genauem Verhältnis.“

Jedoch müssen hier Land- und Wasserstraßen unterschieden werden. Die Flüsse als Verkehrswege waren schon in alter Zeit hoch geschätzt. So verdanken nicht nur eine Reihe von Städten dem Rhein ihre Entstehung, sondern die Jahrhunderte alte Binnenschiffahrt hat auch an den Nebenflüssen und ihren Mündungen die Stadtbildung gefördert. Unter diesem Gesichtspunkte sind Wesel und Ruhrort als wichtige Schiffahrtspunkte der Nebenflüsse aufzufassen. Während aber das heute Duisburg zugehörige Ruhrort an dem Zusammenfluß zweier schiffbarer Flüsse gelegen, eine geradezu ewige Kraft besitzt, ist die Bedeutung von Wesel nach dem Erliegen der Lippeschiffahrt stark zurückgegangen, und auch der künstliche Wasserweg, der Lippe-Seitenkanal, hat keine durchgreifende Aenderung schaffen können.

Die Entstehung anderer Städte wiederum war durch die großen Land-Verkehrsstraßen bedingt. In unserem Betrachtungsgebiet hat der Hellweg eine ganze Reihe von Städten, so auch Dortmund, die ihre Gründung und Entfaltung hauptsächlich eben diesem für die damalige Zeit außergewöhnlichen Verkehrsweg verdanken, hervorgerufen. Als späterhin die Bedeutung der Landstraße zurückging und die Abgeschiedenheit Dortmunds von dem, gegenüber der Schiene billigeren Wasserweg für die ansässige Industrie Schwierigkeiten bereitete, mußte der künstliche Wasserweg helfen, die alte Bedeutung zu erhalten.

Der Marktverkehr, den es seit uralter Zeit gibt, hat wohl als solcher nicht zur Stadtgründung geführt. Da er aber mit Vorliebe die befestigten Plätze an guter Verkehrslage, wie auch kirchliche Plätze zu Festen gerne aufsucht, hat er stark zur Entwicklung der Städte beigetragen.   ,,Handwerksentwicklung und Markthandel bedingten sich hier wechselseitig und trugen gemeinsam dazu bei, daß ein neuer Zug in die Siedlungsgestaltung kommen mußte, wie er bisher wohl nur in wenigen der alten Römerstädte schon früher gepflegt wurde.“ (1)

Im Laufe des 19. Jahrhunderts kam dann im Industriegebiet ein schon oben erwähnter, die Stadtbildung und die Entwicklung mancher Orte sehr stark bestimmender Faktor hinzu, nämlich die Industrie mit dem Fabrikgroßbetrieb. Alte Städte, wie z. B. Essen, wurden durch den Großbetrieb, hier Krupp, sehr stark beeinflußt und haben ein neues Gesicht bekommen, während die Grundzüge der Ur-Entwicklung trotzdem noch deutlich zu sehen sind. Andere Städte entstanden vollkommen neu. So sind Buer und Gelsenkirchen ganz auf der Kohle aufgebaut, Hamborn basiert auf Kohle und der günstigen Lage am Rhein, die zusammen die Thyssenschen Großbetriebe ermöglichten. Aber diese Städte besitzen keinen ausgesprochenen geschäftlichen oder kulturellen Mittelpunkt. Sie sind nichts anderes als eine Zusammenfassung verstreut liegender Siedlungen, deren Zusammenschluß nicht von innen heraus erfolgte, wie es sonst bei einer wachsenden Großstadt der Fall ist, sondern lediglich aus reinen Zweckmäßigkeits-, ja oft Zufallsgründen. Man kann von diesen Industriestädten mit Spethmann (2) sagen; „Der Schacht — oder besser noch: die Schächte — sind ihr Ansatzpunkt und ihr Lebenselement.“

Solche Städte mit meist rapidem Wachstum haben natürlich keine städtebaulichen Schönheiten und es sind nicht wenige, von denen man sagen kann, daß sie ,,einander wie ein Ei dem anderen ähneln.“ Vfie abstoßend diese Industriestädte auf den Fremden wirken können, zeigt beispielsweise das Urteil, das Graf Stenbock-Fermor über Hamborn fällte (3): „Ich kann mich nicht entsinnen, je eine reiz- und seelenlosere Stadt gesehen zu haben.“

Angesichts solchen Urteils darf freilich nicht vergessen werden, daß derartige Industriestädte unter ganz anderen Voraussetzungen und Bedingungen entstanden und zu leben gezwungen waren, als „alte“ Gemeinden. Vor allem aber ist ein Urteil wie dieses nur das Ergebnis eines kurzen Aufenthaltes. Welche Kräfte in Wahrheit in Hamborn wirksam waren, soll die vorliegende Arbeit zeigen. Sie soll erkennen lassen, wie gerade in der Ueberwindung der naturgegebenen Schwierigkeiten, die den Fremden zuerst abstoßen, der Reiz und die Seele solcher „neuen“ Stadt gelegen ist.

1) Kuske, a. a. 0., Seite 15.
2) Spethmann, Die Großindustrie an der Ruhr, Breslau 1925. Seite 12.
3) Stenbock-Fermor, Meine Erlebnisse als Bergarbeiter, Stuttgart 1928, Seite 58.