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Koloniewohnungen 1911

Fast in jedem Verwaltungsbericht nimmt die Gemeindeverwaltung Gelegenheit, den Industriellen den Bau guter Koloniewohnungen ans Herz zu legen, und zwar, wie sie in dem Bericht von 1907 Seite 131 schreibt, aus folgendem Grunde:

»Gerade hier in Hamborn mit seiner stark wechselnden Bevölkerung und bei der Schwierigkeit der Arbeiterbeschaffüng überhaupt, erscheint die Arbeiterfrage und die Sesshaftmachung der Bevölkerung wesentlich eine Wohnungsfrage zu sein und es bedarf daher besonderer Anstrengung und Aufwendungen der grossen Werke, um ihren Kolonien einen anheimelnden, wohnlichen Charakter zu geben, in welchen nicht nur das Äußere und Innere der Häuser durch zweckmässige und gediegene Anordnung anziehend wirkt, sondern in die auch durch gärtnerischen Schmuck, durch getrennte Gartenanlagen und Kinderspielplätze und andere soziale Einrichtungen ein die Bewohner anziehender und ein darin haltender Reiz hineingelegt wird.“

wolfstrasse 3

Während die Gewerkschaft Deutscher Kaiser den Bau der sogenannten Mietskasernen bis in die neuste Zeit, „wegen Platzmangel“, wie sie schreibt, beibehalten hat, hat sie in bezug auf die Errichtung von Spielplätzen den Rat der Gemeindeverwaltung befolgt.   So weist sie neben anderen kleineren Spielplätzen eine besonders grosse Anlage von rund 50 ar auf, die mit verschiedenen Spiel- und Turngeräten und Sandhaufen zum Spielen ausgestattet, sowie mit Rasen, Baum- und Strauchanlagen bepflanzt ist.

„Ein Milchhäuschen, worin den Kindern gegen billiges Entgelt eine gute und einwandfreie Milch verabreicht wird, und das ihnen gleichzeitig als Unterschlupf bei Regenwetter dient, sowie eine Bedürfnisanlage vervollständigen den Platz. Infolge seiner Lage in dem Mittelpunkt der grössten Arbeiterkolonie und in unmittelbarer Nähe der katholischen Kirche wird der Spielplatz täglich von mehreren hundert Kindern besucht.“

Rein äusserlich betrachtet lässt sich gegen diese freundlichen Koloniewohnungen nicht das geringste einwenden. Sie sind geräumiger und wesentlich billiger als diejenigen in Privathäusern. Ich habe auf meinen Untersuchungen Wohnungen in Privathäusern gefunden, die jeder Beschreibung spotten. Schmierige dunkle Treppen, kleine, einfenstrige Zimmer im dritten oder vierten Stock gelegen, wo Familien für zwei Räume, — Stube und Küche — 17 Mark bezahlen mussten, während sie in einer Koloniewohnung mit entsprechend grösseren Räumen nur 8 bis 9 Mark zu bezahlen hätten. Die besser gelegenen Räume in den Privathäusern sind entsprechend noch teurer.

Die private Bautätigkeit hat im Verhältnis zur wachsenden Bevölkerung nicht Schritt halten können, im Gegenteil, sie ist sogar im Laufe des letzten Jahrzehnt immer mehr zurückgetreten, wie folgende Übersicht über die Entwicklung der Kolonie- und  Privatbauten zeigt:

Übersicht über die Entwicklung der Kolonie- und Privatbauten.

Jahreszahl Deutscher Kaiser Zeche Neumühl Zinkhütte Privathäuser Private Bautätigkeit im Verhältnis zur Gesamtbautätigkeit in %
1900 26 36 2 88 32
1901 21 64 3 60 18
1902 74 107 8 124 24
1903 149 58 6 162 26
1904 146 58 1 290 34
1908 203 25 7 305 31
1906 135 51 1 250 28
1907 48 135 88 13
1908 60 46 35 6,2
1909 88 15 6 60 8,26
1910 84 69 113 17

Diese Zahlen geben ein deutliches Bild von dem Überwiegen der Koloniehäuser über die Privathäuser.

in: „Die wirtschaftliche und soziale Lage der Frauen in dem modernen Industrieort Hamborn im Rheinland“ – Inaugural-Dissertation zur Erlangung der Doktorwürde einer hohen staatswissenschaftlichen Fakultät der Erhard-Karls-Universität zu Tübingen , vorgelegt von Li Fischer-Eckert aus Hagen in Westfalen. Verlag von Carl Stracke 1913

Wie das Leben von Gefangenen

Was bedeutet nun diese Masse von Koloniehäusern für die Stadt Hamborn? Zweifellos haben sie den grossen Vorteil, den scharenweis heranströmenden Arbeitermassen eine schnelle und menschenwürdige Unterkunft zu billigem Mietpreise zu gewähren. Und diese Tatsache wird noch in ihrer Bedeutung erhöht, wenn wir bedenken, in welch geringem Masse die private Bautätigkeit hier Hilfe gebracht hätte.

Selbst in den Jahren hochgehender Konjunktur wie 1900, 1906/07, wo die Werke wegen der Preissteigerung aller Rohmaterialien und Arbeitskräfte im Wohnungsbau sehr zurückhaltend sich verhielten, hat die private Bautätigkeit ihren Anteil nicht über 33°% zur Gesamtbautätigkeit steigern können. Man wagt sich das Bild gar nicht auszumalen, was für Wohnungszustände in Hamborn herrschen würden, wenn die Werke die Unterbringung ihrer Arbeiter nicht selbst in die Hand genommen hätten.

Diesen nicht zu leugnenden Vorteilen der Koloniebauten stehen aber auch grosse Nachteile gegenüber. Alle Einwohner gehören demselben Berufe, derselben gesellschaftlichen Schicht an. Wie die Häuser schon durch ihre äusserliche Übereinstimmung gleichsam als das uniformierte Symbol der ewig gleich-massigen Beschäftigung seiner Bewohner wirken, ebenso spielt sich auch das_Leben seiner Insassen, gleichsam wie das in der Freiheit lebender Gefangener, genau nach dem Schema der Schichtuhr ab. Wenn die Männer von der Schicht kommen oder zur Schicht gehen, dann ist für den Augenblick Leben in den Strassen. Aber die meist ernst und bleich aussehenden „Henkelmänner“ sind den Bewohnern der Strasse gar keine Abwechslung, sie sind die typische Erscheinung in ihnen, denn um ihretwillen stehen ja diese einförmigen, gleichmässigen Häuser da. Das Schicksal der Nachbarn gleicht mit wenigen Abweichungen dem eignen, wie ein Ei dem andern.

Sie haben alle eine grosse Kinderzahl und einen kleinen Geldbeutel und das ist ihr Glück. Denn wer aus diesem Allgemeinbild herausragt, sei es etwa dass er sich durch besondere Kunst oder wegen seiner Kinderlosigkeit etwas erübrigt hat, den trifft die unverblümte Missguust seiner Umgebung. Sie kennen eben einander viel zu gut, wissen jedem genau seine Einkünfte nachzurechnen und es ist menschlich durchaus begreiflich, dass sie den vom Schicksal scheinbar Begünstigten als nicht zu ihnen gehörend betrachten. Diese gleichmässigen Häuser und Strassen sind ihnen kein Heim, in dem sie ihren Beruf vergessen sollen, sie sind ihnen ein Unterschlupf zum Schlafen und zum Essen, sie gehören dorthin, solange sie zu dem Kolonieherrn auf Arbeit gehen.

Geben sie dort ihre Arbeit auf, dann müssen sie auch zur selben Zeit die Wohnung räumen und da, wie aus den im III. Kapitel angegebenen Zahlen der Belegschaft Deutscher Kaiser hervorgeht, der Arbeiterwechsel ein sehr grosser ist, findet auch ein ständiger Wechsel der Nachbarschaft statt. Man mag die Häuser noch so schön ausstatten und noch so schöne freie Plätze anlegen, solange man sich nicht entschliesst, die Wohnungen der Beamten und Arzte in die gleiche Gegend zu legen, solange werden auch die Kolonien nicht gewürdigt werden, und das mit Recht, denn solange töten sie das Selbstbewusstsein des Arbeiters, der in seinem Abgesondertsein von den ändern Gesellschaftsklassen und in seiner Abhängigkeit von seinem Arbeitgeber den Glauben an seine eigene Kraft immer mehr einbüsst.

Das ist es, was die Gartenstadt so vorteilhaft von einer Koloniestadt abhebt: Die Freiheit des Individuums und die bunt durcheinander wohnenden Gesellschaftsklassen. Diese Abhängigkeit des Arbeiters von seinem Arbeitgeber zeitigt eine um so grössere Unzufriedenheit bei den Arbeitnehmern, weil diese doch auch ganz genau wissen, dass in erster Linie das Interesse des Arbeitgebers und nicht seine Fürsorge für die Arbeiter den Bau von Koloniewohnungen veranlasst hat. Wohnungsnot und Arbeitermangel greifen dicht ineinander und um das letztere nicht aufkommen zu lassen, muss er notgedrungen dem ersteren seine Aufmerksamkeit zuwenden.

Die Beschaffung von Wohnungen diente also einzig und allein der Beschaffung von Arbeitern, die auch in ihrem Privatleben einer gewissen werksherrlichen Gebundenheit nicht entraten. Bei Streiks und Aussperrungen, Kämpfe, die durch die Gewerbeordnung legalisiert sind, ist der in Kolonien wohnende Arbeiter absolut von dem guten Willen seines Arbeitgebers abhängig, denn die formelle Entlassung zwingt den Streikenden oder Ausgesperrten auch aus seiner Wohnung hinaus. Darum zwingt ihn diese Verquickung von Arbeitsverhältnis und Wohnungsverhältnis aus Rücksicht auf das Unterkommen seiner Familie, von der entschiedenen Wahrnehmung seiner Arbeiterinteressen im Arbeitsverhältnis Abstand zu nehmen. Diese rechtliche Ungleichmässigkeit, die mit der Benutzung von Koloniewohnungen zusammenhängt, dürfte dem Charakter einer Wohlfahrtseinrichtung im Sinne einer modernen Sozialpolitik nicht entsprechen.

in: „Die wirtschaftliche und soziale Lage der Frauen in dem modernen Industrieort Hamborn im Rheinland“ – Inaugural-Dissertation zur Erlangung der Doktorwürde einer hohen staatswissenschaftlichen Fakultät der Erhard-Karls-Universität zu Tübingen , vorgelegt von Li Fischer-Eckert aus Hagen in Westfalen. Verlag von Carl Stracke 1913

Hamborner Oberschicht

Die Hamborner Oberschicht setzt sich auf Grund einer mit der Personenstandsaufnahme am 30. Oktober 1910 verbundenen Berufszählung aufgemachten Statistik aus folgenden Zahlen zusammen:

 

 

Obere Beamte Mittlere Beamte
Reichs- u. Staats- u. Kommunalbeamte 30 190
Kaufmännische Beamte der Großindustrie 60 203
Technische Beamte der Großindustrie 150 346
 

 

240 739
Rechtsanwälte Notare Ärzte Geistliche Oberlehrer Rektoren Hauptlehrer Lehrer und Lehrerinnen
6 24 32 36 331

 

Das sind insgesamt 1407 Personen, von denen man annehmen kann, dass mindestens die Hälfte davon nicht verheiratet ist, also nur als Einzelkaufkraft zu rechnen ist. Nimmt man die andere Hälfte und rechnet man jede Familie durchschnittlich zu fünf Köpfen an, so ergibt sich, dass von den über 100000 Einwohnern, die Hamborn 1910 zählte, nur etwa 3530 Personen als Konsumenten von Qualitäts- oder gar Luxusware in Frage kommen. Dass die Geschäftsleute nach dieser geringen Zahl das Angebot ihrer Ware nicht regeln können und wollen, liegt auf der Hand.

Entnommen aus: „Die wirtschaftliche und soziale Lage der Frauen in dem modernen Industrieort Hamborn im Rheinland“ – Inaugural-Dissertation zur Erlangung der Doktorwürde einer hohen staatswissenschaftlichen Fakultät der Erhard-Karls-Universität zu Tübingen , vorgelegt von Li Fischer-Eckert aus Hagen in Westfalen. Verlag von Carl Stracke 1913

Vom Dorf zur Großstadt

Nachdem wir die belebende Wirkung kennen gelernt haben, die die Industrie auf Handel und Gewerbe in Hamborn ausgeübt hat, bleibt noch übrig, einige absolute Zahlen über die Bevölkerungszunahme anzugeben und daran auschliessend eine kurze Übersicht über die von der Gemeindeverwaltung und den Industrieunternehmern geleistete Arbeit, die ihr in der Lösung der schwierigen Wohn- und Verkehrsverhältnisse oblag.

Auf die Bevölkerungsbewegung und die Bevölkerungszusammensetzung werden wir in einem besonderen Kapitel zu sprechen kommen. Die Einwohnerzahl von Hamborn betrug am

1. April 1900 29 000
1. April 1905 61074
1. April 1910 96127
1. April 1911 101599

Die Gemeinde umfasst einen Flächenraum von 2243,03,12 Hektar. Innerhalb eines Jahrzehnts hat sich die Bevölkerung in der Gemeinde mehr als verdreifacht und es ist leicht einzusehen , dass es schwierig war, die Gemeindeeinrichtungen mit diesem raschen Anwachsen gleichen Schritt halten zu lassen. Die Verkehrsverhältnisse des Dorfes, das fast über Nacht zu einer Grossstadt geworden war, waren die denkbar schwierigsten. Ausgebaute Strassen fehlten fast ganz, abgesehen von einer kurzen gepflasterten Strecke der Provinzialstrasse. Die ausserordentlichen Massnahmen, die zur Förderung des Wegebaues getroffen wurden, gehen am klarsten aus folgenden Zahlen hervor.

1900 verfügte die Gemeinde über 2800 laufende m gepflasterter Strassen, im Jahre 1910 dagegen waren 217000 laufende m ausgebaut. Mit Basalt befestigt waren 1900 6 lau-fende m, 1910 13875 laufende m. Ebenso verlangte die Durchführung der Kanalisation zur Entwässerung des Gemeindegebietes bedeutende Aufwendungen.

Die kurze Skizze von der Entwicklung der Gemeinde Hamborn würde unvollständig sein, wollte ich nicht noch kurz einiges über die Verkehrsverhältnisse erwähnen. Bis zum l. Oktober 1912 mussten die Bewohner ihre Reisegelüste durch die Staatsbahnhöfe der Nachbargemeinden Oberhausen, Meiderich, Ruhrort und Dinslaken befriedigen, weil Hamborn selbst noch nicht an einer Eisenbahnstrecke liegt. Die Entwicklung des kleinen, abseits von den Haupteisenbahnverbindungen gelegenen Dorfes ging eben so rasch vor sich, dass hier, im Gegensatz zu der üblichen Tendenz, die, um den Verkehr zu heben und Unternehmer anzulocken, zuerst eine Bahn baut, die Grossstadt und das dringende Bedürfnis nach einer Eisenbahn bei ihrer Eröffnung längst vorhanden war. Wohl sorgen elektrische Strassenbahnen für ein schnelleres Erreichen der obengenannten Nachbarbahnhöfe, aber bei der relativ langsamen Fahrgeschwindigkeit einer Strassenbahn, die sehr oft durch Verkehrshindernisse die fahrplanmässige Zeit nicht einhalten kann, wird das Fehlen einer Eisenbahn sehr merklich empfunden.

Entnommen aus: „Die wirtschaftliche und soziale Lage der Frauen in dem modernen Industrieort Hamborn im Rheinland“ – Inaugural-Dissertation zur Erlangung der Doktorwürde einer hohen staatswissenschaftlichen Fakultät der Erhard-Karls-Universität zu Tübingen , vorgelegt von Li Fischer-Eckert aus Hagen in Westfalen. Verlag von Carl Stracke 1913    1911

Volksschulen in Hamborn

Ein eigenes Kapitel in einer Gemeinde mit so riesigem Einwohnerzuwachs sind die Volksschulen. In der Zeit vom 1. April 1900 bis zum 31. März 1911 wurden 11 Volksschulneubauten mit 128 Klassenzimmern errichtet und 23 grosse Schulerweiterungsbauten ausgeführt, durch die insgesamt 104 neue Klassenzimmer verfügbar wurden.

Während im Jahre 1900 in den Volksschulen 3258 katholische Schulkinder und 1855 evangelische unterrichtet wurden, war die Anzahl am l. April 1911 auf 11820 katholische und auf 5508 evangelische Schulkinder gestiegen. 5 Haushaltungsschulklassen für Mädchen des letzten Schuljahres, 4 Handfertigkeitsunterrichtsklassen für Knaben und 7 Hilfsschulklassen für Schwachbegabte Kinder befriedigen die Anforderungen, die heute als Ergänzung eines modernen Volksschulbetriebes wünschenswert sind.

Demgemäss sind aber auch die Ausgaben der Gemeinde für die Unterhaltung der Volksschulen gewaltig gestiegen. Nach dem Etat wurden insgesamt aufgebracht

1900      256530,22 Mark
1910    1578450,34 Mark

Interessant ist es, der Frequenz der Volksschulen diejenige der höheren Schulen gegenüberzustellen. Im Jahre 1904 wurden das Realgymnasium und die höhere Mädchenschule gegründet. Über die Anzahl der Schüler resp. Schülerinnen und den Kostenaufwand gibt folgende Übersicht Auskunft:

Realgymnasium

Höhere Mädchenschule

Jahr Schüler m Kosten  Schülerinnen dchenschule

Kosten

1904 73 14000 Mark 36   8200 Mark
1910 886 93820 Mark 123 39 700 Mark

Auch aus diesen Zahlen erhellt sich deutlich, dass eine sogenannte Ober- und Mittelschicht der Bevölkerung nur in verschwindendem Masse vorhanden ist.

Entnommen aus: „Die wirtschaftliche und soziale Lage der Frauen in dem modernen Industrieort Hamborn im Rheinland“ – Inaugural-Dissertation zur Erlangung der Doktorwürde einer hohen staatswissenschaftlichen Fakultät der Erhard-Karls-Universität zu Tübingen , vorgelegt von Li Fischer-Eckert aus Hagen in Westfalen. Verlag von Carl Stracke 1913

Armut in Hamborn 1910

Es ist naturgemäss, dass bei; einer solch raschen Anhäufung von Arbeitermassen auch die Armenlasten erhebliche Mittel fordern. So stieg die endgültige Armenlast der Gemeinde von 46491 Mark im Jahre 1900 auf 330000 Mark im Jahre 1910.

Die gesamten Armenausgaben sind im Jahre 1910 gegen diejenigen vom Jahre 1909 um 19% gestiegen, wogegen die Bevölkerung in demselben Zeitraum nur um 9,92%zugenommen hat.

Entnommen aus: „Die wirtschaftliche und soziale Lage der Frauen in dem modernen Industrieort Hamborn im Rheinland“ – Inaugural-Dissertation zur Erlangung der Doktorwürde einer hohen staatswissenschaftlichen Fakultät der Erhard-Karls-Universität zu Tübingen , vorgelegt von Li Fischer-Eckert aus Hagen in Westfalen. Verlag von Carl Stracke 1913

Hamborn gehört Thyssen

Von dem Städtebild im allgemeinen wenden wir uns nun den Wohnungsverhältnissen zu. Um von vornherein ein richtiges Bild davon zubekommen, wer eigentlich der Beherrscher des Grund und Bodens und damit auch zum grössten Teil der Beherrscher des Wohnungswesens in Hamborn ist, gebe ich folgende Zusammenstellung (s. S. 23) der grösseren Grundbesitzer der Stadt Hamborn. Der Gesamtflächenraum der Gemeinde beträgt 2243,0312 ha. Von dieser Gesamtfläche ist der weitaus grösste Teil, nämlich 1309,7846 ha in Händen der Grossindustrie, Gewerkschaft Deutscher Kaiser, Zeche Neumühl und Zinkhütte. .Thyssen hat sich allein ein Areal von 999,1961 ha gesichert, dem gegenüber steht die Gemeinde mit einem sehr kleinen Grundbesitz von 86,1128 ha.

Zusammenstellung der grösseren Grundbesitzer der Stadt Hamborn nach Angaben des städtischen Vermessungsbüros:

Name des Besitzers ungefähre Größe des Besitzes
April 1911
Hiervon gewerbliche Anlage Hiervon Hofraum, Kolonie- und Wohnhäuser etc. Landwirtschaftliche oder brachliegende Flächen
ha ar qm ha ar qm ha ar qm ha ar qm
Gewerkschaft Deutscher Kaiser 999 19 61 322 00 00 125 552 19 61
Zeche Neumühl 197 62 95 24 00 00 130 23 52 95
Stadt Hamborn einschl. Plätze 86 11 28 7 82 49 21 67 34 66 61 45
Aktiengesellschaft für Zinkindustrie 113 08 90 36 11 67 05 90
Verschiedene kleine Eigentümer 612 71 33 l 90 80 37 12 96

Der Vorrang, den der Thyssensche Besitz in der Gemeinde einnimmt, kann ihm auch von den andern Industrie-Vertretern mit ihren verhältnismässig kleineren Besitzanteilen nicht streitig gemacht werden; aber immerhin haben auch diese eine bedeutende Zahl vor dem Gemeindegrundbesitz voraus.

Auch diese Zahlen geben uns ein Bild von der sprungartigen Entwicklung der Gemeinde. Weitsichtige, kühne Unternehmer hatten den Grund und Boden fast allein unter sich verteilt, ehe die jetzt zur Gemeinde Hamborn vereinigten Dörfer auch nur daran dachten, welche Entwicklung ihnen bevorstand.

Der Zusammenschluss der Dörfer zur Gemeinde Hamborn erfolgte also nicht von innen heraus, wie es sonst die Entwicklungsgeschichte der Grossstädte zeigt, wo eine allmähliche Anhäufung der Menschen und Häuser eine solche Vereinigung notwendig macht, sondern hier geschah sie, weil fast über Nacht der Erfolg die Unternehmer zwang, Arbeitermassen anzuhäufen, die unter ein einheitliches Gemeinwesen gestellt werden mussten.

Es ist natürlich, dass die private Bautätigkeit den Anforderungen der in so kurzer Zeit neu hinzuströmenden Arbeitermassen nicht genügen konnte. Deshalb übernahmen die grössten dort ansässigen Industrie-Vertreter, Gewerkschaft Deutscher Kaiser, Zeche Neumühl und Zinkhütte für einen grossen Teil ihrer Arbeiter die Wohnbeschaffung. Die in der obigen Tabelle gezeigte Zusammenstellung der größeren Grundbesitzer der Stadt Hamborn gibt gleichzeitig ein Bild von der für Wohnhäuser der Arbeiter gebrauchten Grundfläche.

Hier fällt uns auf, daß der Gewerke Thyssen, der eine Durchschnittsbelegschaft von 13345 Bergleuten und 8293 Fabrikarbeitern hat, nur 125 ha für Koloniebauten, während die Zeche Neumühl mit durchschnittlich 5433 Arbeitern zu ihren Wohnungsbauten einen Flächenraum von 130 ha in Anspruch nimmt. Die Gewerkschaft Deutscher Kaiser hat auf diesem Gelände insgesamt 2500 Wohnhäuser aufgerichtet, welche zusammen über 7000 Familien Wohnung bieten. Davon sind 1944 Koloniehäuser mit insgesamt 6567 Wohnungen von Bergarbeitern bewohnt. Das Steinkohlenbergwerk Neumühl hat auf der oben angegebenen Fläche 800 Wohnhäuser für etwa 2800 Familien errichtet.

Aus diesem Unterschied der Raumbenutzung der Grundfläche ergibt sich bereits ganz klar die Bauart der von den verschiedenen Industriellen angelegten Kolonieviertel. Die Gewerkschaft Deutscher Kaiser hat ihre Koloniehäuser in der großen Mehrzahl 2- und 3-stöckig in geschlossener Bauweise errichtet. Die vor 1900 erbauten Häuser stehen inmitten größerer Ländereien und machen eher den Eindruck ländlicher Niederlassungen, sind also einstöckig. Auf ihre Einrichtung wurde nur wenig Wert gelegt.

Die Zimmer sind niedrig und klein und die engen Fenster lassen nicht allzuviel Licht und Sonnenschein herein.

Dagegen sind die nach 1900 erbauten Häuser, was innere Ausstattung anlangt, vielmehr den Anforderungen der Hygiene gerecht geworden. Geräumige Wohnküchen mit eingemauerten Kochherden, Speisekammern, Spülräume mit Spülbecken, luftige Zimmer mit Balkonen oder logienartigen Einbauten versehen, geben, rein äußerlich genommen, den Koloniewohnungen ein freundliches Aussehen. Diese neueren Häuser sind in geschlossener Bauweise zwei- oder dreistöckig errichtet, in denen auf jeder Etage zwei Familien wohnen, so daß im Verhältnis zu den Häusern alten Stils die Bewegungsfreiheit des Einzelnen ziemlich eingeschränkt ist.

Auch der Verwaltungsbericht der Gemeinde Hamborn vom Jahre 1906 weist (auf) Seite 94 mit folgenden Worten auf diesen Fehler hin: „Wünschenswert wäre es, wenn die Gewerkschaft Deutscher Kaiser im Interesse ihrer Arbeiter von dem Bau der großen Arbeiterwohnhäuser (sogenannte Mietskasernen) wieder abgehen und kleinere Gebäude mit einem besonderen Eingang für jede Familie errichten würde.“

Während die vor 1900 erbauten Häuser einen Gartengrund von circa 25 Quadratruten gleich 3 ar 55 qm unmittelbar in der Nähe des Hauses liegen haben, können die in den neuerbauten Häusern wohnenden Mieter ein Stück Land von der Eigentümerin Gewerkschaft Deutscher Kaiser nur in weiterer Entfernung haben. Die Gewerkschaft hat auch sogenannte Schrebergarten anlegen lassen, die unentgeltlich denjenigen Arbeitern überlassen werden, welchen infolge des Bausystems keine Gärten in unmittelbarer Nähe der Wohnung überwiesen werden konnten. Die Wohnungen bestehen aus 2, 3, 4, 6, 6 und 7 Zimmern und kosten je nach Lage und Größe 4 Mark bis 4,50 Mark pro Zimmer und Monat, dazu kommt für die Benutzung des eingemauerten Herdes monatlich 0,75 Mark und 0,80 Mark Wassergeld, also insgesamt 5,55—6,05 Mark.

Die Koloniestrassen des älteren Teiles sind noch nicht kanalisiert und machen mit dem Gemisch von Seifenlauge und Spülwasser, das an der Straße herunterläuft, keinen sauberen Eindruck. Diesem Zustand ist in den neueren Vierteln durch Kanalisation abgeholfen. Die Zeche Neumühl hat durchweg nur offene Bauweise eingeführt. Hier ist jedes Haus in eine vordere und eine hintere Hälfte eingeteilt, jede Hälfte hat ihren besonderen Eingang, so daß die Familien sich gegenseitig weniger „in die Töpfe sehen“ können. Die Häuser sind von Vorgärten eingerahmt und liegen an breiten schön gepflasterten Straßen.

Jede Familie ist im Besitze eines kleinen Gartens, m dem die Leute je nach Fleiss und Geschick ihren Bedarf an Gemüse ziehen. Auch der Bebauungsplan dieser Kolonie hebt sich von demjenigen der vorhergenannten vorteilhaft ab. Die Strassen ziehen sich in freundlichen Rundungen dahin, bewirken dadurch mehr den Eindruck einer Gartenkolonie als einer Arbeiterkolonie. Die Mietpreise sind dieselben wie die bei der Gewerkschaft Deutscher Kaiser.

Die Zinkhütte hat nur wenige Koloniehäuser aufgeführt, die zwar auch einstöckig in offener Bauweise errichtet und von einem Garten umgeben sind, aber wo die giftigen Gase der Zinkhütte hinströmen, bringt der Boden keinen Ertrag.

Entnommen aus: „Die wirtschaftliche und soziale Lage der Frauen in dem modernen Industrieort Hamborn im Rheinland“ – Inaugural-Dissertation zur Erlangung der Doktorwürde einer hohen staatswissenschaftlichen Fakultät der Erhard-Karls-Universität zu Tübingen , vorgelegt von Li Fischer-Eckert aus Hagen in Westfalen. Verlag von Carl Stracke 1913

Thyssen, Haniel und Grillo in Hamborn

Thyssen war der erste, der die Überlegenheit des „gemischten Betriebes“ erkannte, eine Vereinigung von Kohlenbergwerk, Hochofenanlage, Stahlwerk und Walzwerk, und diese Erkenntnis führte im Jahre 1890 zur Gründung des Hüttenwerkes Deutscher Kaiser in Hamborn-Bruckhausen. Das Hüttenwerk erstreckt sich über einen Flächenraum von 120 ha, wovon über 28 ha bebaut sind.

Das Hüttenwerk Deutscher Kaiser umfasst

  • eine komplette Hochofenanlage, bestehend aus 5 Hochöfen, daran anschliessend eine Gasreinigungs- und Kraftanlage zur Erzeugung von Gebläsewind und elektrischer Energie
  • eine Kokerei mit Nebenproduktengewinnung, wie Teer, schwefelsaurem Amoniak, Benzol, Autin, sowie eine Gichtstaub und andere Feinerze verwertende Erz-Brikettierungsanlage
  • ein Siemens Martin-Stahlwerk mit 10 Öfen
  • ein Thomasstahlwerk mit 5 basischen Konvertern von je 16 t Einsatzgewicht nebst zugehöriger Thomasschlackenmühle
  • zwei Blockwalzwerke
  • ein Fertigwalzwerk mit 7 Walzenstrassen
  • ein Feinwalzwerk

Die Zahl der Arbeiter auf der Hütte Deutscher Kaiser stieg von 5316 im Jahre 1900 auf 8293 im Jahre 1910. Die Produktionsziffern für 1911 stellen sich wie folgt:

  • bei Roheisen auf rund 648 000 t gegen 52 000 t im ersten Betriebsjahr
  • bei Rohstahl auf rund 781700 t gegen 60 000 t im ersten Betriebsjahr
  • 3. bei Walzwerkserzeugnissen auf rund 637 0001 gegen 42 0001
    im ersten Betriebsjahr.

Die zweite grosse Zeche in Hamborn ist die der Firma Franz Haniel & Co. gehörende „Gewerkschaft des Steinkohlenbergwerks Neumühl.“ Sie zählte 1900 eine Belegschaft von 1807 Mann und förderte 467450 t Kohlen und hatte 1910 eine Belegschaft von 5433 Mann mit einer Kohlenförderung von 1453897 t.

Walzwerk Duisburg-Bruckhausen 1893
Blocktransport im Walzwerk Bruckhausen, 1893

Ferner sind noch hervorzuheben:

  • Die Aktiengesellschaft für Zinkindustrie vormals Wilhelm Grillo. Sie beschäftigte im Jahre 1900 440 Arbeiter und 1910 stieg die Zahl auf 710 Arbeiter.
  • Neumühler Brückenbau, 1905 mit 79 Arbeitern in Betrieb genommen, musste aber 1910 wegen Bodensenkungen den Betrieb einstellen.
    Bleiwerk Neumühl, ebenfalls 1905 in Betrieb genommen, beschäftigt 12 Arbeiter.
  • Metallwerk Neumühl, gegründet 1900, beschäftigt zwischen 85—91 Arbeiter.
  • Rheinische Gelatinwerke 1900 in Betrieb genommen mit 25 Arbeitern und beschäftigt 1910 zwischen 56 und 50 Arbeiter.

Es ist nur natürlich, dass die Werke mit der zunehmenden Vergrösserung auch auf eine möglichst günstige Produktenbeförderung bedacht sein mussten. Anschlüsse an die Staatsbahnen sind in Hamborn-Neumühl, Oberhausen-West für Deutscher Kaiser und Dinslaken vorhanden.

Ausserdem hat die Gewerkschaft Deutscher Kaiser eigene Rheinhafen-Anlagen, die, was den Umschlag anbelangt, nur von den staatlichen Duisburg-Ruhrorter und Mannheimer Häfen übertroffen werden. Der Gesamtumschlag belief sich 1910 auf rund 3100000 t, wovon 1900000 t auf die Einfuhr und 1200000 t auf die Ausfuhr entfielen.

Entnommen aus: „Die wirtschaftliche und soziale Lage der Frauen in dem modernen Industrieort Hamborn im Rheinland“ – Inaugural-Dissertation zur Erlangung der Doktorwürde einer hohen staatswissenschaftlichen Fakultät der Erhard-Karls-Universität zu Tübingen , vorgelegt von Li Fischer-Eckert aus Hagen in Westfalen. Verlag von Carl Stracke 1913

Handel, Kleingewerbe und Handwerk 1900-1910

Die günstige Entwicklung des Bergbaues und der Metallindustrie in der Gemeinde Hamborn hatte naturgemäss auch eine Vermehrung des Handels, der Kleingewerbe und des Handwerks zur Folge. Ein anschaulicheres Bild gibt die Gegenüberstellung der Anzahl der einzelnen Gewerbebetriebe aus dem Jahre 1911 mit denjenigen aus dem Jahre 1900.

Demnach stieg die Zahl der Handwerks- und Handelsbetriebe von circa 300 im Jahre 1900 auf 1676 im Jahre 1911.  Die Anzahl der im Jahre 1900 bereits bestehenden habe ich in Klammern neben die Aufzählung der Betriebe von 1911 gesetzt. Darnach ergibt sich nachstehende Übersicht:

  1. Agenturen 20 (0)
  2. Althandlungen 9 (l)
  3. Anstreicher- und Malergeschäfte 50 (7)
  4. Apotheken 6 (l)
  5. Architektenbüros 7 (0)
  6. Auktionatore 1 (0)
  7. Auskunfteien 2 (0)
  8. Ausstattungsgeschäfte 4 (2)
  9. Automobilfahrteubetriebe 4 (0)
  10. Automatenrestaurants l (0)
  11. Badeanstalten private 2 (0)
  12. Bäckerei und Conditorei 69 (22)
  13. Backwaren-Verkaufsstellen 14 (0)
  14. Bankhäuser 4 (0)
  15. Barbier-und Friseurgeschäfte 59 (12)
  16. Baumaterialenhandlungen 5 (4)
  17. Bauunternehmer 25 (3)
  18. Bazare l (0)
  19. Bierhandlungen 41 (3)
  20. Druckereien 5 (l)
  21. Buch- und Schreibwarenhandlungen 27 (5)
  22. Butterhandlungen 6 (0)
  23. Cafes 5 (0)
  24. Cigarrengeschäfte 32 (5)
  25. Cigarrenmacher 3 (3)
  26. Consum-Vereine 2 (0)
  27. Consum-Anstalten der Gewerkschaft Deutscher Kaiser 17 (?)
  28. Dachdecker 9 (2)
  29. Dampf-Latrinen-Reinigungsunternehmer 3 (0)
  30. Delikatessgeschäfte 6 (0)
  31. Drechslereien 3 (l)
  32. Drogenhandlungen 20 (l)
  33. Eierhandlungen 3 (0)
  34. Eisenwarengeschäfte 14 (2)
  35. Elektr. Installationsgeschäfte 4 (0)
  36. Elektr. Reparatur-Werkstätte l (0)
  37. Färbereien und Waschanstalten 4 (0)
  38. Fahrradgeschäfte 15 (0)
  39. Feilenfabrik l (0)
  40. Fensterreinigungsinstitute 3 (0)
  41. Fettwarengeschäfte 17 (0)
  42. Fischhandlungen 5 (0)
  43. Fleischwaren-Verkaufsstellen 3 (?)
  44. Fouragehandlungen 12 (0)
  45. Friseusen 4 (0)
  46. Fuhrunternehmer und Hauderer 41 (8)
  47. Galanteriewaren 9 (l)
  48. Gärtnereien 6 (l)
  49. Geflügelhandlungen 2 (0)
  50. Gemüsehandlungen 74 (10)
  51. Gesindevermieter 4 (0)
  52. Glas- und Porzellanwaren 6 (0)
  53. Haushaltungsgeschäfte 13 (3)
  54. Heilkundige 5 (0)
  55. Herrenmodegeschäfte 5 (2)
  56. Holzschuhmacher l (0)
  57. Hotels 6 (3)
  58. Hundedresseure 3 (0)
  59. Hut- und Schirmgeschäfte 14 (2)
  60. Installateure und Klempner 16 (2)
  61. Kaffeegeschäfte 3 (0)
  62. Kammerjäger 3 (0)
  63. Kinematografen 7 (0)
  64. Kohlenhandlungen 10 (2)
  65. Kolonialwarenhandlungen 149 (37)
  66. Konfektionsgeschäfte 31 (2)
  67. Kurzwaren 8 (2)
  68. Lebensmittel engros l (0)
  69. Lederhandlungen 9 (0)
  70. Manufakturgeschäfte 35 (8)
  71. Metzgereien 67 (10)
  72. Milchhandlungen 45 (12)
  73. Mineralwasserfabriken 3 (0)
  74. Möbelhandlungen 24, wovon 22 Abschlagsgeschäfte (l)
  75. Musikinstrumentenhandlungen 4(1)Ein Uhrenhändler, der gleichzeitig mit Musikinstrumenten handelte
  76. Nähmaschinenhandlungen 4 (0)
  77. Partiewarengeschäfte 12 (0)
  78. Pferdemetzgereien 4 (0)
  79. Photographen 10 (0)
  80. Putz- und Modegeschäfte 13 (3)
  81. Rabattgesellschaften 8 (0)
  82. Sägewerke l (0)
  83. Sattler und Polsterer 11 (2)
  84. Schlossereien und Schmiede 28 (3)
  85. Schneidereien 88 (7)
  86. Schreinereien 40 (5)
  87. Schuhgeschäfte 3 3 (3)
  88. Schuhmachereien 73 (10)
  89. Schweinehandluiigen 5 (3)
  90. Speisewirtschaften 7 (3)
  91. Spar- und Bauvereine l (0)
  92. Creditier-Sparvereine l (0)
  93. Tapeten- und Farbengeschäfte 16 (4),
  94. Tiefbau-Unternehmer 9 (0),
  95. Trinkhallenbesitzer 31 (3),
  96. Uhren und Goldwaren 17 (3),
  97. Gast- und Schenkwirtschaften 118 (56),
  98. Zeitungsverleger 5 (l)
  99. Ziegeleien 7 (0)
  100. Zimmerer 7 (2)

Demnach stieg die Zahl der Handwerks- und Handelsbetriebe von circa 300 im Jahre 1900 auf 1676 im Jahre 1911.  So hat die wachsende Industrie und die damit verbundene Bevölkerungszunahme in einem Jahrzehnt auch belebend auf Verkehr und Handel gewirkt. Aber es muss hier hervorgehoben werden, dass fast alle Handels- und Handwerksbetriebe auf die billigen Massenbedürfnisse der Arbeiter zugeschnitten sind, dass das Angebot an Qualitätsware hinter den in Fabriken billig hergestellten Massenartikeln vollständig verschwindet. Alles was man in den Schaufenstern ausgestellt sieht, wendet sich an das Auge und die Kaufkraft der breiten Massen, ist verführerisch und aufdringlich mit billigen Preisen versehen, deren Verlockungen die Hausfrauen nur zu oft erliegen.

Die kaufkräftige Oberschicht, die die Geschäftsleute zum Angebot von Qualitätsware zwingen könnte, ist so schwach, dass sie kaum als Konsumenten in Frage kommen und ausserdem ziehen diese es vor, in den benachbarten Grossstädten, wie Essen, Duisburg oder Düsseldorf ihren Bedarf zu decken.

Entnommen aus: „Die wirtschaftliche und soziale Lage der Frauen in dem modernen Industrieort Hamborn im Rheinland“ – Inaugural-Dissertation zur Erlangung der Doktorwürde einer hohen staatswissenschaftlichen Fakultät der Erhard-Karls-Universität zu Tübingen , vorgelegt von Li Fischer-Eckert aus Hagen in Westfalen. Verlag von Carl Stracke 1913

Zur Lage der Familien in Hamborn

Dies ist der Fragebogen, mit dem Li Fischer-Eckert 1911 die Hamborner Arbeiterfrauen zu ihrer Situation befragt hat. Insgesamt wurden 495 Fragebögen (Version I) von ihr selbst und noch 3955 (Version II) mit Hilfe des Oberbürgermeisters Schrecker in Schulen verteilt.:

Fragebogen l

Gemeinde Hamborn/ Bezirk / Vor- und Zuname der Ehefrau / Wohnung:

1. Wann und- wo haben Sie geheiratet?
2. In welchen Orten haben Sie seither gewohnt?
3. Wie oft sind Sie in Hamborn umgezogen?
4. Hat Ihr Mann den Arbeitgeber hier am Ort gewechselt?
5. Wieviel lebende Kinder haben Sie überhaupt gehabt?
6. Wieviel Kinder leben noch?
7. Lernen die Kinder gut in der Schule? welche Schule?
8. Was treiben die aus der Schule entlassenen Mädchen?
9. Was treiben die aus der Schule entlassenen Knaben?
10. Geben die Kinder von ihrem Verdienst ab ?
11. Halten Sie Kostgänger oder Ziehkinder? wieviel?
12. Sind Sie auf dem Lande aufgewachsen?
13. War Ihr Vater Fabrikarbeiter, Bergmann oder Landarbeiter?
14. Hatten Ihre Eltern ein kleines Eigentum?
15. Was waren Sie vor Ihrer Verheiratung? Ladnerin, Näherin, Dienstmädchen?
16. Haben Sie eine Nähmaschine? ‚ •
17. Was machen Sie Sonntags?
18. Lesen Sie die Zeitung oder Bücher?
19. Waren Sie schon einmal im Theater ?
a) vor der Verheiratung
b) nach der Verheiratung
20. Waren Sie schon im Kino? oft?
21. Haben Sie Gartenland?
22. Möchten Sie gern mehr Gartenland haben?
23. Wer besorgt den Garten?
24. Haben Sie Vieh?
25. Welches und wieviel?
26. Haben Sie Geld auf der Sparkasse?
27. Was verdient der Mann?
28. Haben Sie selbst noch Familie (Eltern, Geschwister?)
29. Schreiben Sie sich gegenseitig?
30. Gehören Sie oder Ihr Mann einem Verein oder einer Organisation an?
31. Sind Sie in einem Consum verein?
32. Wie und wo möchten Sie ihr Alter verbringen?

Besondere Bemerkungen: Allgemeiner Eindruck
a) der Frau
b) der Kinder
c) der Wohnung: Fehlen z. B. die notwendigsten Möbel, wie ein Schrank usw.

Fragebogen 2

Gemeinde Hamborn Bezirk / Vor- und Zuname des Vaters / Beruf des Vaters / Wohnung

1) Wann und wo haben Sie geheiratet?
2) In welchen Orten haben Sie seither gewohnt?
3) Wieviel lebende Kinder haben Sie überhaupt gehabt ?
4) Wieviel Kinder leben noch?
5) In welchem Alter sind die noch lebenden Kinder?

Besondere Bemerkungen

in: „Die wirtschaftliche und soziale Lage der Frauen in dem modernen Industrieort Hamborn im Rheinland“ – Inaugural-Dissertation zur Erlangung der Doktorwürde einer hohen staatswissenschaftlichen Fakultät der Erhard-Karls-Universität zu Tübingen , vorgelegt von Li Fischer-Eckert aus Hagen in Westfalen. Verlag von Carl Stracke 1913