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Die Entwicklung der Gemeinde Hamborn bis 1911

Hamborn liegt am rechten Rheinufer zwischen der Emscher- und Elperbach-Mündung und grenzt im Norden an Walsum und Holten, im Nordosten an Buschhausen und im Süden an Meiderich und Ruhrort. Die ehemalige Landgemeinde Hamborn, bestehend aus den Ortschaften Hamborn, Schmidthorst und Aldenrade-Fahrn wurde am l. April 1900 mit den Ortschaften Bruckhausen, Marxloh und Alsum, Teile aus der ehemaligen Landgemeinde Beek, zu einem Gemeindebezirk vereinigt und zur Bürgermeisterei erhoben.

Mit diesem Zeitpunkt setzt die eigentliche rapide Entwicklung der Gemeinde ein. Während noch vor 50 Jahren weite Wälder und Wiesen der Gegend einen vornehmlich ländlichen Charakter aufprägten, begann nach dem grossen Kriege 1870/71 die rheinisch-westfälische Grossindustrie die Kohlenfelder in diesem Gebiet zu erschliessen. Da für die ganze Entwicklung von Hamborn die Art der Industrie und der darin beschäftigten Arbeitskräfte ausschlaggebend ist, so gebe ich nachstehend eine kurze Aufzählung der grösseren Betriebe und der darin beschäftigten Personen unter Zugrundelegung des Verwaltungsberichts und der Festgabe für die Stadt Hamborn für das Jahr 1910.

Diese Berichte zählen folgende Grossbetriebe auf: Unter Führung des Gutsbesitzers MORIAN in Hamborn-Neumühl wurde am 19. September 1871 die Gewerkschaft „Zeche Hamborn“ gegründet, die am 4. November 1871 mit Rücksicht auf die Gründung des Deutschen Reiches ihren Namen in Gewerkschaft Deutscher Kaiser umwandelte. Der Kohlenreichtum und die günstige Lage am Rhein veranlassten Ende der 80er Jahre den weitblickenden Unternehmer AUGUST THYSSEN, die ungünstige Konjunktur in der Kohlenindustrie benutzend, die Kuxe der Gewerkschaft Deutscher Kaiser durch Kauf und Tausch in seinen alleinigen Besitz zu bringen. Bei ihrer Gründung betrug die Feldgrösse Deutscher Kaiser 10565905 qm; unter THYSSENS Herrschaft stiegen die gesamten Berechtsame auf Steinkohlen der Gewerkschaft Deutscher Kaiser auf ca. 40000 ha. Eine Übersicht über die enorme Ausdehnung der Förderung auf den Schächten Deutscher Kaiser seit 1876 und über deren Belegschaft gibt folgende Tabelle:

TABELLE I

Übersicht über die Gesamtförderung, Belegschaften und Lohnverhältnisse auf den Schächten der Gewerkschaft Deutscher Kaiser.

Jahr Kohlen-Förderung Vermehrung gegen das Vorjahr Gesamt-Belegschaftszahl Jahres-Lohnsumme
  t t % Mann Mk.
1876 3583 90 70000
1877 19673 16090 447,11 130 100000
1878 44711 25038 127,26 240 180000
1880 79802 5040 6,74 390 390000
1885 183077 39724 27,71 670 595410
1890 317429 28349 9,81 940 1 143620
1895 358272 24365 7,30 1300 1574600
1900 1199333 189867 18,81 3600 5619438
1905 1906440 24300 1,29 7793 11 196092
1906 2364230 457790 24,01 8850 14 562890
1907 2492061 127831 5,41 9350 17 591371
1908 3040804 548743 22,02 11000 19 595797
1909 3600045 559241 18,39 15700 22 733502

in: „Die wirtschaftliche und soziale Lage der Frauen in dem modernen Industrieort Hamborn im Rheinland“ – Inaugural-Dissertation zur Erlangung der Doktorwürde einer hohen staatswissenschaftlichen Fakultät der Erhard-Karls-Universität zu Tübingen , vorgelegt von Li Fischer-Eckert aus Hagen in Westfalen. Verlag von Carl Stracke 1913

Einleitung

Die gewaltige Ausdehnung der Industrie, die in Deutschland in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts Platz gegriffen, hat zwischen dem Angebot an Arbeitsmöglichkeit in den einzelnen Erwerbszentralen und dem Angebot an Arbeitskräften in diesen Orten zu einer bisweilen sehr fühlbaren Spannung geführt, die auszulösen die Unternehmer zwang, Arbeiter aus Gegenden, wo weniger Erwerbsmöglichkeit oder weniger einträglicher Verdienst zu finden ist, heranzuziehen.

Dieser Zuzug, aus arbeitsärmeren Plätzen an arbeitsreiche, hat eine starke Wanderungsbewegung der Bevölkerung innerhalb des deutschen Reiches zur Folge gehabt. Wie die Statistik der Binnenwanderung einwandfrei darlegt, (Zeitschrift des kgl. Preuss. Statist. Büros Jahrgang 1902, 1907 und 1908) steht fest, daß hauptsächlich aus dem agrarreichen Osten sich jährlich ein starker Strom frischer gesunder Landkinder in den insustriereichen Westen ergiesst und dort eine Zunahme der Großstädte bewirkt, wie sie beinahe dem raschen Wachstum amerikanischer Riesenstädte an die Seite gestellt werden kann. Sehr typisch tritt diese Erscheinung der ungewöhnlich raschen Ansammlung grosser Menschenmassen in der im Ruhrkohlerevier gelegenen Industriestadt Hamborn zu Tage, die erst im Jahre 1900 mit etwa 30.000 Einwohnern zu einer selbständigen Landgemeinde erhoben, bereits im März 1911 mit einer Einwohnerzahl von über 100.000 in die Reihe der deutschen Großstädte eingetreten ist.

Kam es den Untersuchungen über die Binnenwanderung in erster Linie darauf an, die allgemeine Bedeutung dieser Wanderungen, ihre grossen Heerstrassen und Hauptziele klarzulegen, so leuchtet es ein, dass gerade hier in Hamborn die Möglichkeit gegeben ist, an einem typischen Beispiel die Folgen der Binnenwanderung, ihre sozialen und kulturellen Wirkungen zu untersuchen.

Jedoch so interessant und volkswirtschaftlich vorteilhaft es wäre, an der Hand einer genauen Pertsonalstatistik auf diesem räumlich begrenzten Gebiet die treibenden Ursachen zu ergründen, die Erscheinungen festzustellen, die in wirtschaftlicher und kultureller Hinsicht für alle Einwohner durch dieses System der Bevölkerungsverteilung gezeitigt wurden. so habe ich im Interesse einer möglichst genauen Erfassung der bestehenden Zustände doch vorgezogen, meine Untersuchung nur auf die wirtschaftliche, kulturelle und soziale Lage der Frauen zu erstrecken.

Und zwar hatte ich hiefür einen doppelten Grund. Die Basis unserer Wirtschaftsordnung bildet die Familie, in ihr wurzelt die Kraft unseres Volkes, von ihrem Wohl oder Wehe hängt das Aufwärts- oder Abwärtsschreiten unserer Nation ab. Den Mittel- und Angelpunkt der Familie aber bildet die Gattin und Mutter. Von ihrer Fähigkeit hauszuhalten hängt es ab, ob der Verdienst des Mannes so eingeteilt und verwendet wird, dass das leibliche und geistige Wohl der Familienmitglieder gleichmässig berücksichtigt wird.

Sie ist es, die den Kindern das Vaterhaus zu dem lebendigen Symbole aller guten Geister stempelt, das ihnen auch dann noch, wenn sie der Gewalt und Aufsicht der Eltern entronnen, in seiner lebendigen Vorstellung und Erinnerung an dieses einen unsichtbaren Schutz gegen Versuchungen und Laster bieten soll. Nur dann hat das viel missbrauchte Wort von ‚der Heiligkeit der Ehe eine praktische Bedeutung, wenn innerlich und äußerlich die Bedingungen gegeben sind, die das Zusammenleben der Menschen zu einem „Heim“ gestalten.

In einem Ort, sei es Dorf oder Stadt, wo ein stilles Gleichmaß oder eine organische Entwicklung langsam und allmählich die Menschen zur Anpassung an die Zeit zwingt, wo eine dichte Oberschicht und eine breite Mittelschicht durch ein gutes Beispiel erzieherisch auf die Unterschicht wirkt, wo durch eine möglichst gleichmäßige Verteilung der verschiedenen Stände die Klasse der Proletarier nicht isoliert dasteht, sondern vielmehr in die allgemeine Bevölkerung sich einordnet, wo auch die breite Masse der Proletarier mit dem Ort, in dem sie lebt, sich verwachsen fühlt, wo Kindheits- und Jugenderinnerungen auf Schritt und Tritt dem Erwachsenen begegnen, die ihn in dauernder Beziehung bleiben lassen zu dem Ort, wo er arbeitet und lebt, da ist allein schon ein natürliches äußeres Moment gegeben, das Familienleben wenn auch vielleicht äußerlich bescheiden und arm so doch innerlich gehaltvoll zu gestalten.

Vor einer ganz anderen Aufgabe aber steht die Frau in Orten mit einer großen Wanderungsziffer, wie z. B. in Hamborn. Hier fehlt die Mittelschicht fast ganz, die Oberschicht ist so dünn, daß sie beinahe ganz verschwindet und nur eine sehr dicke, breite Unterschicht von Bergarbeitern und Hüttenarbeitern ist vorhanden und diese noch zusammengewürfelt aus den verschiedensten Nationalitäten. Es fehlt alles hier, was man wohl mit dem Wort Tradition zusammenfaßt. Beziehungslos zu dem Ort, an dem sie lebt, nicht wissend, ob vielleicht eine bessere Arbeitsgelegenheit oder eine fallende Konjunktur den Mann zwingt, in Kürze einem ändern Industrieort zuzuwandern, verbringt sie ihre Tage losgelöst von Vorstellungen, die anderen Ortes das Leben der Frau durch das Bewußtsein der Heimatsberechtigung erheben. Der Mann hat durch seinen Beruf, ganz gleichgültig ob er in Hamborn oder in Duisburg oder an irgend einer ändern Hütte, in irgend einem ändern Bergwerk arbeitet, immer einen gleichbleibenden Faktor, den er in Beziehung zu seinem Leben setzen kann. Er hat ferner in seiner Organisation einen Rückhalt, die ihm sein Persönlichkeitsbewusstsein stärkt, sein geistiges Leben befruchtet und seinem Leben Inhalt und Schwung gibt.

Wie aber wird sich das Leben für die Frau, der dieses alles fehlt, gestalten? Wird sie vielleicht in einem Berufe, in einer Erwerbsarbeit neue Beziehungen suchen, die unabhängig von der äusseren Umgebung den Verlust des Heimatbewusstseins ersetzen können, wird sie vielleicht das religiöse Leben vertiefen, oder wird sie ihre häuslichen Pflichten ganz besonders intensiv ergreifen? Diese Fragen waren es hauptsächlich, die mich bewogen, in vorliegende Untersuchung einzutreten. Verstärkt wurde dieses Motiv noch durch den Gedanken, daß es wohl nur einer Frau möglich sein kann, das Schaffen und Wirken der Frauen richtig zu beurteilen, weil es gerade hier darauf ankam, in möglichst nahe Berührung mit der weiblichen Bevölkerung zu kommen, durch unauffällige Unterhaltung einen Einblick in ihre Denkweise zu gewinnen.

Um feste Anhaltspunkte zu gewinnen, habe ich einen Fragebogen (Nr. l, S. 6) mit 32 Fragen zusammengestellt, und dann nach den verschiedenen Stadtteilen in Kolonien und Privathäusern 500 Haushaltungen aufgesucht, deren Adressen ich vorher auf dem Meldeamt festgestellt hatte. Bei der Auswahl dieser Adressen kam es mir nur darauf an, die Besuche so zu verteilen, daß möglichst alle Stadtteile berücksichtigt wurden und die Haushaltungsvorstände die deutsche Staatsangehörigkeit besaßen. Eine andere Auslese traf ich nicht, weil mir daran gelegen war, die Verhältnisse so zu sehen, wie sie sich mir boten, ohne durch Voreingenommenheit das objektive Resultat meiner Enquete zu trüben.

Von den 500 Besuchen bekam ich nur bei 495 ausgiebige Antworten auf meine Fragen. Von den übrigen fünf verstanden zwei Frauen gar kein Deutsch und es war auch niemand in der Nähe, der meine Fragen hätte verdolmetschen können und drei Familien waren am l. Juni verzogen. An die ändern 495 Besuche denke ich mit geringen Ausnahmen nur mit warmem Dank zurück. Zieht man das geringe Verständnis in Frage, das heute noch in weiten Kreisen statistischen Aufnahmen entgegengebracht wird, bedenkt man ferner, daß meine Fragen sich ziemlich tief in das persönliche Leben der einzelnen Familien hineinwagten, so wird man an dem Resultat der Fragebogen wohl am besten das Entgegenkommen der Bevölkerung ermessen können.

Es ist ja begreiflich, .daß manche Tür sich nur widerwillig dem Eindringling öffnete, • aber Vertrauen erweckt Vertrauen, und so gelang es mir oft, einen Stuhl herbeizuziehen und mich zu einem Plauderstündchen häuslich niederzulassen. Gar oft allerdings traf ich auch Bäume an, wo es von Kindern, Hühnern, Waschfässern und schmutziger Wäsche durcheinanderwimmelte, daß ich froh war einen einigermaßen sichern Stand zu erobern, um ohne Gefahren meine Notizen niederzuschreiben. Wo ich ganz störrische Elemente antraf, gebrauchte ich die kleine List, mich als Angestellte hinzustellen, die das Opfer ihres Berufes sei und dann löste das Mitgefühl mit dem „Fräulein“ stets die größte Bereitwilligkeit aus.

Eine wesentliche Ergänzung meiner 495 Fragebogen wurde mir noch durch die Liebenswürdigkeit des Herrn Oberbürgermeisters ermöglicht, der 3955 Fragebogen (Nr. 2, S. 7) an die Volksschulkinder der Oberklassen verteilen ließ, durch die ich die Fragen nach dem Ortswechsel der Eltern und der Kindersterblichkeit in zahlenmäßig erweitertem Umfange feststellen konnte. Ihm und seinen Beamten, die mir auf alle meine Fragen bereitwilligst Auskunft gaben, sowie der Generaldirektion der Gewerkschaft Deutscher Kaiser als auch den verschiedenen Arbeiterorganisationen, die mich bei meiner Arbeit freundlichst unterstützten, sage ich an dieser Stelle meinen wärmsten Dank!

in: „Die wirtschaftliche und soziale Lage der Frauen in dem modernen Industrieort Hamborn im Rheinland“ – Inaugural-Dissertation zur Erlangung der Doktorwürde einer hohen staatswissenschaftlichen Fakultät der Erhard-Karls-Universität zu Tübingen , vorgelegt von Li Fischer-Eckert aus Hagen in Westfalen. Verlag von Carl Stracke 1913

Das Ruhrgebiet

Das Ruhrgebiet, in seinen Grenzen nicht fest umrissen, ungefähr von Dortmund bis Duisburg und von der Ruhr bis zur Lippe reichend, hat eine Reihe der verschiedensten Stadtentwicklungen und Stadttypen aufzuweisen. Im großen und ganzen kann man zwei verschiedene Ausgangspunkte der Entwicklung unterscheiden, nämlich erstens die Entwicklung aus einem alten Stadtkern, um den herum die Stadt mehr oder weniger organisch wächst, wie z. B. Dortmund, Duisburg, Essen, und zweitens die lediglich durch die Industrie entstandenen Siedlungen, die im Laufe der Zeit unorganisch zusammengewachsen und zu einer Stadt geworden sind, wie z. B. Buer, Hamborn, Gelsenkirchen.

Städte mit alter Tradition und traditionslose Neugründungen stehen hier auf engem Räume nebeneinander. Der Ausgang der Stadtgründung war bei den ,,alten“ Städten des Ruhrgebietes, die einen Stadtkern aufweisen, sehr verschieden. Vielfach ging die Entwicklung von einer Burg aus, neben der eine Siedlung entstand, die wirtschaftlich und militärisch später zu einer Stadt ausgebaut wurde. Diese befestigten Punkte wirkten an-ziehend auf die Bevölkerung und boten auch vielfach neue Ernährungsmöglichkeiten.

So war z. B. bei Duisburg, wie der Name schon sagt, die Burg der Ausgangspunkt der Stadtentwicklung. Die gleichen Gründe, die vom Heerwesen, von der Verwaltung oder dem Königshof ausgehend, die Stadtgründung anregten, führten zum Teil auch dazu, daß im Rheinland, in dem das Christentum in Deutschland zuerst Fuß faßte, Siedlungen sehr oft durch Kirchenbauten bedingt wurden. So entstanden Keimzellen einer Stadtentwicklung durch Kirchen- und Klosterbau bei bisher unscheinbaren Dörfern oder auch auf völlig neuen Plätzen. Nach dem Jahre 700 waren diese Kirchengründungen gerade östlich des Rheines sehr häufig, wodurch oftmals der Anstoß zu einer Stadt-bildung gegeben wurde (siehe: Kuske, Geschichte der rheinischen Städte. Essen 1922, Seite 12. )

Im engeren Ruhrgebiet ist jedoch keine Stadt ausschließlich auf die Gründung einer Kirche oder eines Klosters zurückzuführen; immerhin hat die Kirche auf die Entstehung der Städte Essen und Werden zumindest eingewirkt. Die Verkehrslage, die gerade heute wieder zu einem äußerst wichtigen Faktor geworden ist, hat auch vordem einen nicht zu unterschätzenden Einfluß auf die Stadtbildung gehabt.  So sagt Hassert (Hassert, Die Städte geographisch betrachtet, 1917, Seite 66) : ..Die Wurzeln einer Stadt sind ihre Wege, und zur Bedeutung der letzteren steht die Größe und Wichtigkeit der ersteren in genauem Verhältnis.“

Jedoch müssen hier Land- und Wasserstraßen unterschieden werden. Die Flüsse als Verkehrswege waren schon in alter Zeit hoch geschätzt. So verdanken nicht nur eine Reihe von Städten dem Rhein ihre Entstehung, sondern die Jahrhunderte alte Binnenschiffahrt hat auch an den Nebenflüssen und ihren Mündungen die Stadtbildung gefördert. Unter diesem Gesichtspunkte sind Wesel und Ruhrort als wichtige Schiffahrtspunkte der Nebenflüsse aufzufassen. Während aber das heute Duisburg zugehörige Ruhrort an dem Zusammenfluß zweier schiffbarer Flüsse gelegen, eine geradezu ewige Kraft besitzt, ist die Bedeutung von Wesel nach dem Erliegen der Lippeschiffahrt stark zurückgegangen, und auch der künstliche Wasserweg, der Lippe-Seitenkanal, hat keine durchgreifende Aenderung schaffen können.

Die Entstehung anderer Städte wiederum war durch die großen Land-Verkehrsstraßen bedingt. In unserem Betrachtungsgebiet hat der Hellweg eine ganze Reihe von Städten, so auch Dortmund, die ihre Gründung und Entfaltung hauptsächlich eben diesem für die damalige Zeit außergewöhnlichen Verkehrsweg verdanken, hervorgerufen. Als späterhin die Bedeutung der Landstraße zurückging und die Abgeschiedenheit Dortmunds von dem, gegenüber der Schiene billigeren Wasserweg für die ansässige Industrie Schwierigkeiten bereitete, mußte der künstliche Wasserweg helfen, die alte Bedeutung zu erhalten.

Der Marktverkehr, den es seit uralter Zeit gibt, hat wohl als solcher nicht zur Stadtgründung geführt. Da er aber mit Vorliebe die befestigten Plätze an guter Verkehrslage, wie auch kirchliche Plätze zu Festen gerne aufsucht, hat er stark zur Entwicklung der Städte beigetragen.   ,,Handwerksentwicklung und Markthandel bedingten sich hier wechselseitig und trugen gemeinsam dazu bei, daß ein neuer Zug in die Siedlungsgestaltung kommen mußte, wie er bisher wohl nur in wenigen der alten Römerstädte schon früher gepflegt wurde.“ (1)

Im Laufe des 19. Jahrhunderts kam dann im Industriegebiet ein schon oben erwähnter, die Stadtbildung und die Entwicklung mancher Orte sehr stark bestimmender Faktor hinzu, nämlich die Industrie mit dem Fabrikgroßbetrieb. Alte Städte, wie z. B. Essen, wurden durch den Großbetrieb, hier Krupp, sehr stark beeinflußt und haben ein neues Gesicht bekommen, während die Grundzüge der Ur-Entwicklung trotzdem noch deutlich zu sehen sind. Andere Städte entstanden vollkommen neu. So sind Buer und Gelsenkirchen ganz auf der Kohle aufgebaut, Hamborn basiert auf Kohle und der günstigen Lage am Rhein, die zusammen die Thyssenschen Großbetriebe ermöglichten. Aber diese Städte besitzen keinen ausgesprochenen geschäftlichen oder kulturellen Mittelpunkt. Sie sind nichts anderes als eine Zusammenfassung verstreut liegender Siedlungen, deren Zusammenschluß nicht von innen heraus erfolgte, wie es sonst bei einer wachsenden Großstadt der Fall ist, sondern lediglich aus reinen Zweckmäßigkeits-, ja oft Zufallsgründen. Man kann von diesen Industriestädten mit Spethmann (2) sagen; „Der Schacht — oder besser noch: die Schächte — sind ihr Ansatzpunkt und ihr Lebenselement.“

Solche Städte mit meist rapidem Wachstum haben natürlich keine städtebaulichen Schönheiten und es sind nicht wenige, von denen man sagen kann, daß sie ,,einander wie ein Ei dem anderen ähneln.“ Vfie abstoßend diese Industriestädte auf den Fremden wirken können, zeigt beispielsweise das Urteil, das Graf Stenbock-Fermor über Hamborn fällte (3): „Ich kann mich nicht entsinnen, je eine reiz- und seelenlosere Stadt gesehen zu haben.“

Angesichts solchen Urteils darf freilich nicht vergessen werden, daß derartige Industriestädte unter ganz anderen Voraussetzungen und Bedingungen entstanden und zu leben gezwungen waren, als „alte“ Gemeinden. Vor allem aber ist ein Urteil wie dieses nur das Ergebnis eines kurzen Aufenthaltes. Welche Kräfte in Wahrheit in Hamborn wirksam waren, soll die vorliegende Arbeit zeigen. Sie soll erkennen lassen, wie gerade in der Ueberwindung der naturgegebenen Schwierigkeiten, die den Fremden zuerst abstoßen, der Reiz und die Seele solcher „neuen“ Stadt gelegen ist.

1) Kuske, a. a. 0., Seite 15.
2) Spethmann, Die Großindustrie an der Ruhr, Breslau 1925. Seite 12.
3) Stenbock-Fermor, Meine Erlebnisse als Bergarbeiter, Stuttgart 1928, Seite 58.

Besteuerung durch die Stadt Hamborn

Werfen wir nun noch einen Blick auf die Steuerverhältnisse der Gemeinde Hamborn; denn bei einer Stadt, die in so kurzer Zeit eine solche Fülle wirtschaftlicher Bedürfnisse zu befriedigen hatte, wie ich sie in gedrängten Zahlen soeben vorgeführt, dürfte die Frage nach der Deckung ihrer Ausgaben ganz besonders interessieren. Ich entnehme folgende Angaben den Verwaltungsberichten der Stadt Hamborn, Kapitel Steuerwesen.

A. direkte Steuern.

Die Einkommensteuer ist gleichzeitig die Hauptträgerin der Gemeindesteuerumlage, sie entfällt im Durchschnitt auf mehr als zur Hälfte auf die Einkommen bis zu 3000 Mark, zum übrigen Teile auf die Einkommen der höher veranlagten Zensiten, in erster Linie der drei ansässigen Grossbetriebe: Gewerkschaft Deutscher Kaiser, Zeche Neumühl und Zinkhütte.

Die Gemeindesteuerzuschläge ergeben für

a) Einkommensteuer einschliessl. der fingierten Normalsteuersätze von 2,40 Mark und 4,00 Mark
b) Grund- und Gebäude-
c) Gewerbe- und Betriebssteuer:

Jahr a b c
1900 195 % 195 % 195 %
1901 194 % 194 % 194 %
1902 180% 180% 180%
1903 176% 176% 176%
1904 176% 176% 176%
1905 176% 176% 176%
1906 193% 193% 193%
1907 200%
1908 200%
1909 200%
1910 200%

Wenn auch die Steuererträge fast durchweg eine befriedigende Steigerung gegen die früheren Jahre aufwiesen, so schien es in Rücksicht auf die stetig wachsenden Bedürfnisse der Gemeinde doch angebracht, das nicht mehr zeitgemässe Verfahren der prozentualen Belastung der staatlich veranlagten Realsteuern in eine Besteuerungsform umzuwandeln, die die Belastungsfähigkeit der bestehenden Steuerarten zu erhöhen vermöchte. Daher hat im Jahre 1907 eine vollständige Umwälzung auf folgenden Gebieten des Steuerwesens stattgefunden:

l. Gewerbesteuer:

Noch im Jahre 1906 wurde von den Betrieben, die unter 100 Arbeiter beschäftigten, 193 % der staatlich veranlagten Sätze, bei den anderen Betneben 19,30 Mark auf den Kopf des Arbeiters erhoben.
„Diese Besteuerungsform sicherte der Gemeinde zwar eine erhebliche Einnahme, doch standen derselben insofern Bedenken entgegen, als bei den erst genannten Betrieben nur der gewerbliche Ertrag, bei den zweiten nur die Zahl der Arbeiter, also die durch dieselbe verursachte Belastung des Kommunalverbandes berücksichtigt wurde. Dazu kam, dass die Betriebe mit wenig über 100 Arbeitern ganz ausserordentlich belastet wurden, gegenüber einem Betriebe mit etwa 80—90 Arbeitern, der doch auch bereits fühlbare Steigerung der Kommunallasten herbeiführen musste.“

An Stelle dieser alten Besteuerungsform beschloss der Gemeinderat eine neue Steuerordnung, nämlich 2 % des gewerblichen Ertrages als Gemeinde-Grundsteuer. „In dieser Steuerordnung ist für alle Betriebe die Berücksichtigung der beiden oben genannten Gesichtspunkte für die Besteuerung gewahrt. Dabei sind die kleineren Betriebe durch die Freilassung der ersten fünf Arbeiter und sonstige Ermässigungen gegen eine zu hohe Belastung geschützt.“

2. Grundsteuer.

Ebenso wie bei der Gewerbesteuer entsprach auch die Art der Besteuerung, die Art der Zuschläge zu den staatlich veranlagten Grund- und Gebäudesteuersätzen nicht mehr den durch die rapide Entwicklung geschaffenen Verhältnissen. Waren doch wertvolle Baugrundstücke in bester Lage noch nach landwirtschaftlichen Erträgen z. B. als Holzung besteuert, sodass z. B. ein Besitz im Werte von Hunderttausenden etwa 10 Mark jährlich zu den grossen kommunalen Lasten beitrug. Daher stimmte der Gemeinderat der Einführung der Grundsteuer von 2,5 % des gemeinen Wertes des Grundbesitzes als Gemeinde-Grundsteuer zu. Dadurch trat eine gewisse Entlastung des bebauten Grundbesitzes auf Kosten des unbebauten ein. Schwerer verwertbare Grundstücke, die an noch nicht ausgebauten Strassen liegen oder an Strassen überhaupt noch nicht anliegen, werden noch besonders dadurch vor allzu drückender Steuerlast geschützt, als der Wert, der an sich schon ein geringerer ist, nur zu drei Vierteln zum Ansatz kommt.

3. Betriebssteuer

Auch die Betriebssteuer, die ebenfalls als Zuschlag zu den staatlich veranlagten Sätzen erhoben wurde, hat ebenfalls eine Änderung erfahren. Nach der staatlichen Veranlagung wird der Betrieb in derselben Gewerbesteuerklasse zu gleichen Sätzen belastet, sodass ein Wirtschaftsbetrieb mit einem gewerblichen Ertrage von 4100 Mark die gleiche Betriebssteuer zu entrichten hat, wie ein solcher mit einem gewerblichen Ertrage von 19000 Mark. Die seit 1907 eingeführte neue Steuerordnung macht dieser Gleichheit oder richtiger Ungleichheit ein Ende, indem die Betriebssteuer nach Prozenten des gewerblichen Ertrages erhoben wird. In Hamborn beschloss der Gemeinderat 2 % des Ertrages der der besonderen nach der Betriebssteuerordnung unterliegenden Betriebe und 200 % der staatlich veranlagten Sätze bei den der besonderen Steuer nicht unterliegenden Betriebe. Nach dieser neuen Steuerordnung stellt sich die Erhebung der Gemeindesteuern, ausser der Einkommensteuer, die ich bereits vorher bis zum Jahre 1910 angegeben, wie folgt dar:

2,5 % des gemeinen Wertes des Grundbesitzes als Gemeinde Grundsteuer, 318,71°/.o der staatlich veranlagten Grund-und Gebäudesteuern;
2 % des gewerblichen Ertrages als Gemeinde-Gewerbesteuer = 554,34 °/o der staatlich veranlagten Gewerbesteuer.
2% des Ertrages der der besonderen Betriebssteuerordnuug unterliegenden Betriebe == 920 % der staatlich veranlagten Betriebssteuer,
200 % der letzteren Steuer bei den jener besonderen Gemeinde-Betriebssteuer nicht unterworfenen Betrieben.

B. Die indirekten Gemeindesteuern

1. Umsatzsteuer

Steuerordnung vom 4. Juli 1904. Der Umsatzsteuer unterliegt — unter Berücksichtigung gewisser Befreiungen und Ermäßigungen — grundsätzlich jeder auf Grund einer freiwilligen Veräußerung erfolgende Erwerb von Grundeigentum und Bergwerkseigentum innerhalb der Gemeinde Hamborn. Die Steuer beträgt 1 % vom gemeinen Wert des Grund- bezw. Bergwerkseigentums.

2. Biersteuer

Steuerordnung vom 19. Februar 1900, bezw. 4. Februar 1904. An Steuer wird erhoben von allem in den Gemeindebezirk eingeführten Bier:
a) für schweres Bier pro hl 65 Pfg.
b) für leichtes Bier pro hl.  32,5 Pfennig

3. Hundesteuer

Steuerordnung vom 4. Juni 1885. Die Steuer beträgt für jeden Hund 9 Mark. Befreit sind nur die zur Bewachung und für das Gewerbe unentbehrlichen Hunde.

4. Lustbarkeitssteuer

Steuerordnung vom 29. Januar 1900. Für die in der Gemeinde stattfindenden Lustbarkeiten wird eine Steuer erhoben, die je nach dem Charakter der Lustbarkeit in verschiedene Steuersätze abgestuft ist. Die sämtlichen Einnahmen an Kommunalsteuern der direkten, sowie der indirekten stellen sich wie folgt dar:

Einnahmen Ausgaben
1900   684.478 Mark 1.089.034 Mark
1905 1.698.471 Mark 2.878.000 Mark
1910 3.001.585 Mark 4.666.290 Mark

Um das Mehr an Ausgaben, welche durch die Kosten für Schul-, Wege-, Entwässerungsbauten usw. verwendet werden mußten, zu decken, hat die Gemeinde Darlehen aufgenommen. Die Tilgung der Darlehen erfolgt nach den vom Kreisausschuss festgestellten Grundsätzen, je nach der Verwendungsart von 1,5 %is 10° %.

Im Verhältnis zu den großen Anforderungen, die die Ordnung der Verkehrsverhältnisse sowie die Erledigung der Schul- und Armenlasten an die Gemeindeverwaltung stellen, haben die Zuschläge zu den staatlich veranlagten Sätzen sich in relativ bescheidenen Grenzen gehalten. Es gibt Industriestädte, wie z, B. Hagen, das nicht vor einer so großen Lösung kommunalpolitischer Probleme steht, das seinen Bürgern einen Zuschlag von 275 % zu den staatlich veranlagten Sätzen zumutet.

Entnommen aus: „Die wirtschaftliche und soziale Lage der Frauen in dem modernen Industrieort Hamborn im Rheinland“ – Inaugural-Dissertation zur Erlangung der Doktorwürde einer hohen staatswissenschaftlichen Fakultät der Erhard-Karls-Universität zu Tübingen , vorgelegt von Li Fischer-Eckert aus Hagen in Westfalen. Verlag von Carl Stracke 1913