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Einleitung

Die gewaltige Ausdehnung der Industrie, die in Deutschland in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts Platz gegriffen, hat zwischen dem Angebot an Arbeitsmöglichkeit in den einzelnen Erwerbszentralen und dem Angebot an Arbeitskräften in diesen Orten zu einer bisweilen sehr fühlbaren Spannung geführt, die auszulösen die Unternehmer zwang, Arbeiter aus Gegenden, wo weniger Erwerbsmöglichkeit oder weniger einträglicher Verdienst zu finden ist, heranzuziehen.

Dieser Zuzug, aus arbeitsärmeren Plätzen an arbeitsreiche, hat eine starke Wanderungsbewegung der Bevölkerung innerhalb des deutschen Reiches zur Folge gehabt. Wie die Statistik der Binnenwanderung einwandfrei darlegt, (Zeitschrift des kgl. Preuss. Statist. Büros Jahrgang 1902, 1907 und 1908) steht fest, daß hauptsächlich aus dem agrarreichen Osten sich jährlich ein starker Strom frischer gesunder Landkinder in den insustriereichen Westen ergiesst und dort eine Zunahme der Großstädte bewirkt, wie sie beinahe dem raschen Wachstum amerikanischer Riesenstädte an die Seite gestellt werden kann. Sehr typisch tritt diese Erscheinung der ungewöhnlich raschen Ansammlung grosser Menschenmassen in der im Ruhrkohlerevier gelegenen Industriestadt Hamborn zu Tage, die erst im Jahre 1900 mit etwa 30.000 Einwohnern zu einer selbständigen Landgemeinde erhoben, bereits im März 1911 mit einer Einwohnerzahl von über 100.000 in die Reihe der deutschen Großstädte eingetreten ist.

Kam es den Untersuchungen über die Binnenwanderung in erster Linie darauf an, die allgemeine Bedeutung dieser Wanderungen, ihre grossen Heerstrassen und Hauptziele klarzulegen, so leuchtet es ein, dass gerade hier in Hamborn die Möglichkeit gegeben ist, an einem typischen Beispiel die Folgen der Binnenwanderung, ihre sozialen und kulturellen Wirkungen zu untersuchen.

Jedoch so interessant und volkswirtschaftlich vorteilhaft es wäre, an der Hand einer genauen Pertsonalstatistik auf diesem räumlich begrenzten Gebiet die treibenden Ursachen zu ergründen, die Erscheinungen festzustellen, die in wirtschaftlicher und kultureller Hinsicht für alle Einwohner durch dieses System der Bevölkerungsverteilung gezeitigt wurden. so habe ich im Interesse einer möglichst genauen Erfassung der bestehenden Zustände doch vorgezogen, meine Untersuchung nur auf die wirtschaftliche, kulturelle und soziale Lage der Frauen zu erstrecken.

Und zwar hatte ich hiefür einen doppelten Grund. Die Basis unserer Wirtschaftsordnung bildet die Familie, in ihr wurzelt die Kraft unseres Volkes, von ihrem Wohl oder Wehe hängt das Aufwärts- oder Abwärtsschreiten unserer Nation ab. Den Mittel- und Angelpunkt der Familie aber bildet die Gattin und Mutter. Von ihrer Fähigkeit hauszuhalten hängt es ab, ob der Verdienst des Mannes so eingeteilt und verwendet wird, dass das leibliche und geistige Wohl der Familienmitglieder gleichmässig berücksichtigt wird.

Sie ist es, die den Kindern das Vaterhaus zu dem lebendigen Symbole aller guten Geister stempelt, das ihnen auch dann noch, wenn sie der Gewalt und Aufsicht der Eltern entronnen, in seiner lebendigen Vorstellung und Erinnerung an dieses einen unsichtbaren Schutz gegen Versuchungen und Laster bieten soll. Nur dann hat das viel missbrauchte Wort von ‚der Heiligkeit der Ehe eine praktische Bedeutung, wenn innerlich und äußerlich die Bedingungen gegeben sind, die das Zusammenleben der Menschen zu einem „Heim“ gestalten.

In einem Ort, sei es Dorf oder Stadt, wo ein stilles Gleichmaß oder eine organische Entwicklung langsam und allmählich die Menschen zur Anpassung an die Zeit zwingt, wo eine dichte Oberschicht und eine breite Mittelschicht durch ein gutes Beispiel erzieherisch auf die Unterschicht wirkt, wo durch eine möglichst gleichmäßige Verteilung der verschiedenen Stände die Klasse der Proletarier nicht isoliert dasteht, sondern vielmehr in die allgemeine Bevölkerung sich einordnet, wo auch die breite Masse der Proletarier mit dem Ort, in dem sie lebt, sich verwachsen fühlt, wo Kindheits- und Jugenderinnerungen auf Schritt und Tritt dem Erwachsenen begegnen, die ihn in dauernder Beziehung bleiben lassen zu dem Ort, wo er arbeitet und lebt, da ist allein schon ein natürliches äußeres Moment gegeben, das Familienleben wenn auch vielleicht äußerlich bescheiden und arm so doch innerlich gehaltvoll zu gestalten.

Vor einer ganz anderen Aufgabe aber steht die Frau in Orten mit einer großen Wanderungsziffer, wie z. B. in Hamborn. Hier fehlt die Mittelschicht fast ganz, die Oberschicht ist so dünn, daß sie beinahe ganz verschwindet und nur eine sehr dicke, breite Unterschicht von Bergarbeitern und Hüttenarbeitern ist vorhanden und diese noch zusammengewürfelt aus den verschiedensten Nationalitäten. Es fehlt alles hier, was man wohl mit dem Wort Tradition zusammenfaßt. Beziehungslos zu dem Ort, an dem sie lebt, nicht wissend, ob vielleicht eine bessere Arbeitsgelegenheit oder eine fallende Konjunktur den Mann zwingt, in Kürze einem ändern Industrieort zuzuwandern, verbringt sie ihre Tage losgelöst von Vorstellungen, die anderen Ortes das Leben der Frau durch das Bewußtsein der Heimatsberechtigung erheben. Der Mann hat durch seinen Beruf, ganz gleichgültig ob er in Hamborn oder in Duisburg oder an irgend einer ändern Hütte, in irgend einem ändern Bergwerk arbeitet, immer einen gleichbleibenden Faktor, den er in Beziehung zu seinem Leben setzen kann. Er hat ferner in seiner Organisation einen Rückhalt, die ihm sein Persönlichkeitsbewusstsein stärkt, sein geistiges Leben befruchtet und seinem Leben Inhalt und Schwung gibt.

Wie aber wird sich das Leben für die Frau, der dieses alles fehlt, gestalten? Wird sie vielleicht in einem Berufe, in einer Erwerbsarbeit neue Beziehungen suchen, die unabhängig von der äusseren Umgebung den Verlust des Heimatbewusstseins ersetzen können, wird sie vielleicht das religiöse Leben vertiefen, oder wird sie ihre häuslichen Pflichten ganz besonders intensiv ergreifen? Diese Fragen waren es hauptsächlich, die mich bewogen, in vorliegende Untersuchung einzutreten. Verstärkt wurde dieses Motiv noch durch den Gedanken, daß es wohl nur einer Frau möglich sein kann, das Schaffen und Wirken der Frauen richtig zu beurteilen, weil es gerade hier darauf ankam, in möglichst nahe Berührung mit der weiblichen Bevölkerung zu kommen, durch unauffällige Unterhaltung einen Einblick in ihre Denkweise zu gewinnen.

Um feste Anhaltspunkte zu gewinnen, habe ich einen Fragebogen (Nr. l, S. 6) mit 32 Fragen zusammengestellt, und dann nach den verschiedenen Stadtteilen in Kolonien und Privathäusern 500 Haushaltungen aufgesucht, deren Adressen ich vorher auf dem Meldeamt festgestellt hatte. Bei der Auswahl dieser Adressen kam es mir nur darauf an, die Besuche so zu verteilen, daß möglichst alle Stadtteile berücksichtigt wurden und die Haushaltungsvorstände die deutsche Staatsangehörigkeit besaßen. Eine andere Auslese traf ich nicht, weil mir daran gelegen war, die Verhältnisse so zu sehen, wie sie sich mir boten, ohne durch Voreingenommenheit das objektive Resultat meiner Enquete zu trüben.

Von den 500 Besuchen bekam ich nur bei 495 ausgiebige Antworten auf meine Fragen. Von den übrigen fünf verstanden zwei Frauen gar kein Deutsch und es war auch niemand in der Nähe, der meine Fragen hätte verdolmetschen können und drei Familien waren am l. Juni verzogen. An die ändern 495 Besuche denke ich mit geringen Ausnahmen nur mit warmem Dank zurück. Zieht man das geringe Verständnis in Frage, das heute noch in weiten Kreisen statistischen Aufnahmen entgegengebracht wird, bedenkt man ferner, daß meine Fragen sich ziemlich tief in das persönliche Leben der einzelnen Familien hineinwagten, so wird man an dem Resultat der Fragebogen wohl am besten das Entgegenkommen der Bevölkerung ermessen können.

Es ist ja begreiflich, .daß manche Tür sich nur widerwillig dem Eindringling öffnete, • aber Vertrauen erweckt Vertrauen, und so gelang es mir oft, einen Stuhl herbeizuziehen und mich zu einem Plauderstündchen häuslich niederzulassen. Gar oft allerdings traf ich auch Bäume an, wo es von Kindern, Hühnern, Waschfässern und schmutziger Wäsche durcheinanderwimmelte, daß ich froh war einen einigermaßen sichern Stand zu erobern, um ohne Gefahren meine Notizen niederzuschreiben. Wo ich ganz störrische Elemente antraf, gebrauchte ich die kleine List, mich als Angestellte hinzustellen, die das Opfer ihres Berufes sei und dann löste das Mitgefühl mit dem „Fräulein“ stets die größte Bereitwilligkeit aus.

Eine wesentliche Ergänzung meiner 495 Fragebogen wurde mir noch durch die Liebenswürdigkeit des Herrn Oberbürgermeisters ermöglicht, der 3955 Fragebogen (Nr. 2, S. 7) an die Volksschulkinder der Oberklassen verteilen ließ, durch die ich die Fragen nach dem Ortswechsel der Eltern und der Kindersterblichkeit in zahlenmäßig erweitertem Umfange feststellen konnte. Ihm und seinen Beamten, die mir auf alle meine Fragen bereitwilligst Auskunft gaben, sowie der Generaldirektion der Gewerkschaft Deutscher Kaiser als auch den verschiedenen Arbeiterorganisationen, die mich bei meiner Arbeit freundlichst unterstützten, sage ich an dieser Stelle meinen wärmsten Dank!

in: „Die wirtschaftliche und soziale Lage der Frauen in dem modernen Industrieort Hamborn im Rheinland“ – Inaugural-Dissertation zur Erlangung der Doktorwürde einer hohen staatswissenschaftlichen Fakultät der Erhard-Karls-Universität zu Tübingen , vorgelegt von Li Fischer-Eckert aus Hagen in Westfalen. Verlag von Carl Stracke 1913