Schlagwort-Archive: Neumühl-Prozess

Zeugenaussagen zum Polizeieinsatz

„Ich bin unheimlich wütend geworden und war ziemlich fertig. Als ich einen Polizisten fragte, warum er nicht auf Hasenjagd gehe, anstatt Menschen zu jagen, da bekam ich als Antwort „Ja seid ihr denn noch Menschen?“

„Und als dann hinterher, die Stimmung war auf m Höhepunkt, Rambo Zambo in allen Räumen, ja dann kam plötzlich der Schock….Dann fingen die ja an mit „alle raus“ und ging dat direkt auch los mit Geschuppse ne und dann im Treppenhaus, die irre Scene, die sich da abgespielt hat, nämlich echt die Schuppserei und so ne. Also ich hab da noch den Nagel, also da hat mir jemand auf den Fuß getreten und der Zehnagel ist noch verkrüppelt. Naja, is ja nich so schlimm, hast te ja auch im Eifer des Gefechts gar nich so gemerkt. Ja, und dann standen wir unten in der Kälte und froren uns den Arsch ab. ja, und überhaupt, wat dat denn sollte, so wat kennt man ja gar nicht. So rausgeworfen werden mit aller Gewalt, obuohl man gar nichts gemacht hat, als Unbeteiligter steht man dann da, is eingeladen worden, hat sich nix zu Schulden kommen lassen, abgesehen davon, dat man n bißchen Stimmung hatte, oder sogar sehr viel Stimmung hatte… und mußtest echt lange bitten und bettein, bis die mal sagten, ja, die können die Mäntel holen… Ja, und dann kams zu den Ausschreitungen von den Bullen, Ausschreitungen von uns hab ich nicht gesehen, echt… Ja, und dann wollten die Leute nich abhauen, is klar, weil die sich alle auf n Schlips getreten fühlten…“

„Auf einmal ging´s unheimlich abrupt… Bevor ich irgendwat wahrgenommen hab, wollte ich meine Sachen nehmen, da stehn die Polizisten schon an der Treppe und verhinderten, dat ich mein Mantel und mein Pullover hol, da ich ja nur n Hemd anhatte und gefroren hatte und draußen war s kalt, konnte ich überhaupt nix nehmen. Ich wurd die Treppe runtergestoßen und stand schon draußen. Ich konnte überhaupt nix sagen. Wir wurden vom Hof zurückgedrängelt und die Leute schrien irgendwas. Ich schrie auch, aber nur, weil ich irgendwas in die Augen gekriegt hab, von dieser chemischen Keule… Ich hab zum ersten Mal richtige Angst gehabt. Richtige Angst und dat von der Polizei dat hätte ich mir vorher nie denken können.“

„Ich fand dat eigentlich ziemlich brutal und der Sache überhaupt nicht angemessen, weil wir sicher auch so runterjegangen wären. Ja und dann standen wir unten auf´m Hof, unheimliches Palaver… Ich war auch total sauer, weil die´n Mädchen unheimlich brutal die Treppe runtergeschupst ham… Und dann sah ich, wie der … auf einmal auf dem Boden lag, und da war ich erst ma unheimlich fertig. Rumqeheult und dat war alles unheimlich schlimm..“

„Ja, und dann auf einmal, war also kaum begreiflich die Situation, weil Minuten vorher waren alle total guter Laune, tolle Stimmung und auf einmal waren alle total depremiert und frustriert. Ich war auch total enttäuscht, ich hätte nie gedacht, das unsere Polizei ein so ne Feier eingreifen würde, war für mich vollkommen unverständlich…“

„Bei dem Film Sacco und Vancetti, da war so ne ähnliche Scene; da wurden so Leute aus nem Haus rausgeprügelt. Und sofort wurde ich wieder an die Sache in Neumühl erinnert, weil ich auch gesehen hab, dat vor mir Leute echt die Treppe runtergeschmissen wurden und sich richtig weh getan ham, richtig verletzt ham…“

„…wurde ich durch das Licht eines Kraftfahrzeuges darauf aufmerksam, daß mich ein Auto auf dem Gehsteig verfolgte. Das Auto fuhr mit ziemlich hoher Geschwindigkeit auf mich zu und der einzige Weg, um nicht vom Wagen überrollt zu werden, war für mich, zur Seite zu springen. Nachdem ich zur Seite gesprungen war, hielt das Polizeiauto und zwei Polizeibeamte rannten auf mich zu. In diesem Moment begann auch ich zu rennen, davonzurennen! Ich fiel zur Erde, stand wieder auf und rannte weiter. Auf Aufforderung der Polizisten blieb ich stehen und wurde festgenommen. Auf der Fahrt zum Polizeirevier fragte ich die Polizeibeamten, warum ich denn festgenommen wurde und erhielt zur Antwort: „Wer so auffällig angezogen ist wie sie.“

„2 Polizisten stürmen auf mich los, ziehen an meinen Haaren. Ulla und ich halten uns . fest. Sie reißen mich los, schleifen mich ca. 5 – 7 m weg, hinter einen VW-Bus. Mehrere Polizisten wollen mich mit der Knebelkette fesseln. Ich will den Grund wissen, wehre mich indem ich mich zu Boden fallen lasse und meine Hände rechts und links an den Oberschenkeln in der Hose verkralle. Ich schreie: Laßt mich los, warum wollt ihr mich fesseln u.a. Werde von mind. 5 Polizisten bearbeitet; je einer an jedem Arm, einer würgt mich mit der Knebelkette, einer kniet auf meinem linken Bein, einer verdreht den rechter Fuß nach Außen… “

in: Dokumentation zum Neumühl-Prozess (1979)

Der Polizeieinsatz bei dem Fest in Neumühl

Wir haben uns bislang bemüht, Ihnen einen Eindruck von den Vorbereitungen und dem Verlauf des Festes zu vermitteln. Auch wenn das gedruckte Wort dies nur sehr unvollständig und begrenzt vermag, können Sie vielleicht nachvollziehen, daß das Erscheinen zweier Polizei-Beamter gegen 22 Uhr 30 uns nicht aus der Fest-Stimmung reißen konnte. Ausgelassen wie wir waren, wurden die Herren zum Mitfeiern aufgefordert. „Zieht die Uniform aus“ und „für die Polizei -Dienstags frei“ wurde gerufen.

Die Beamten verlangten, daß die Musik leiser gestellt würde, der Aufforderung wurde nachgekommen, ob mit Erfolg oder nicht – darüber gehen die Meinungen wohl auseinander: jedenfalls rückten 20 Minuten später 42 Beamte mit Schlagstöcken und Maschinenpistolen an.

Von ihrem „besonnenen“ Vorgehen konnte schon beim Betreten des Hauses keine Rede sein. Sie traten willkürlich Türen ein und trieben ohne jede Vorwarnung Festteilnehmer aus dem Haus. Der Einsatz wird von offizieller Seite mit „Unterbindung von erheblicher Ruhestörung“ begründet – allerdings erst im Nachhinein. Uns wurde eine Angabe während des Einsatzes verweigert, ja, konnte für uns auch in keinster Weise erkennbar sein, da auf Grund eines Stromausfalls auch die Stereoanlage schwieg, mithin von „Erheblicher Ruhestörung“ selbst bei unterschiedlichsten Lärmbelästigungsschwellen keine Rede sein konnte.

Durch den Stromausfall herrschte vollkommene Dunkelheit im Tanzraum, in dem sich die meisten Leute aufhielten. Während dieser Zeit hatte sich die Polizei schon im ganzen Haus verteilt. Als das Licht im Tanzsaal wieder anging begannen die Beamten brutal das Haus zu räumen. Es wurde dabei mit den Maschinenpistolen gedroht, teilweise an den Haaren gerissen, geschlagen und einige sogar die Treppe hinuntergeworfen. Wir wurden auf den Hof getrieben, wo zum wiederholten Male verlangt wurde, Sinn und Zweck dieser Aktion, sowie den .Namen des verantwortlichen Einsatzleiters zu erfahren.

Die Reaktion der Beamten war höhnisches Gelächter und zynische Bemerkungen: „Meine Dienstnummer lautet 4711“, u.a. Viele mußten lange in leichter Kleidung in der Kälte stehen, da wir bei der Räumung nicht einmal unsere Sachen zusammensuchen durften.

Wir waren fassungslos und empört über die Brutalität – sie war uns unerklärlich und unvorstellbar. Einige stimmten Sprechchöre an, andere versuchten mit einzelnen Beamten zu diskutieren. Wir wurden aufgefordert nach Hause zu gehen, doch wir dachten nicht daran: Wir wollten weiterfeiern, und außerdem waren unsere Jacken, Mäntel usw. noch im Haus. Einem wurde dann erlaubt unsere Sachen aus dem Haus zu holen. Gleichzeitig begannen die Beamten uns ohne Erklärungen über den Grund des Einsatzes vom Hof zu drängen.

Plötzlich wurde einer von uns, der wie viele andere noch immer hartnäckig nachfragte, von zwei Beamten zu Boden gerissen und in ein Polzeifahrzeug gezerrt. Die Frau, die unmittelbar daneben stand rief mehrmals „Aufhören“. Unsere Entrüstung stieg, Sprechchöre werden von neuem angestimmt: „Freilassen,freilassen!“ Statt den einen freizulassen, drängen sie uns immer massiver vom Hof, zerren einzelne an den Haaren, wahllos werden zwei von uns herausgegriffen und festgenommen.

Voller Empörung weigern wir uns jetzt endgültig nach Hause zu gehen. Um weitere Festnahmen zu verhindern halten wir uns gegenseitig an den Händen fest und haken uns ein. Dies war für die Polizisten offenbar das Signal für den Sturmangriff. Ein Beamter, möglicherweise der Einsatzleiter rief: „Geht nach Hause, euer Plan ist gescheitert!“

Dann plötzlich, und ohne Vorwarnung wurde mit Gummiknüppel und dem Kampfgas RSG 1( chemische Keule) gegen die Festteilnehiner vorgegangen. Einige wurden von dem Gift aus nächster Nähe, absichtlich, mitten ins Gesicht getroffen. Wir rannten entsetzt, schreiend, voller Panik. Während einige versuchen den Verletzten zu helfen – Anwohner ge-ben uns Wasser für die Augen – versammeln sich andere nach und nach wieder auf der Straße vor der Hof einfahrt.

Das ist dann der Auslöser für den nächsten Angriff: Tränengas, Gummiknüppel, Festnahmen, Verletzte. Doch damit lange nicht genug: Immer wieder, und auf immer brutalere Weise wird jede Ansammlung von uns angegriffen uns auseinandergetrieben, schließlich werden sogar einzelne gejagt. Als wir endlich – vielleicht noch ein Rest von 50 Festteilnehmern und schon über 500 m vom Haus entfernt – glaubten, der Einsatz sei endlich vorüber und uns überlegten, was mit den Festgenommenen wird, und wie wir nach Hause kommen, werden wir von einem neuen Überfall überrumpelt:

Aus verschiedenen Richtungen jagen Polizeifahrzeuge mit aufgeblendeten Scheinwerfern auf uns zu. Polizeibeamte springen heraus, reissen einzelne zu Boden und setzen wieder die „chemische Keule“ aus nächster Entfernung ein. Einige können sich nur durch kühne Sprünge in Vorgärten vor der nunmehr perfekten Menschenjagd retten.

Noch eine Stunde später, so berichten völlig unbeteiligte Zeugen, wurde das Viertel nach „Menschenansammlungen“ durchkämmt. Nachdem unser Fest so zerschlagen worden war, beschlossen einige zum Polizeipräsidium Hamborn zu fahren, um sich nach den Festgenommenen zu erkundigen. Cirka 50 Festteilnehmer warteten vor der Wache. Einem inzwischen von uns verständigten Rechtsanwalt wurde der Einlass verweigert mit der Begründung: „Er störe nur die Ermittlungen.“

Diese Darstellung der Vorfälle in : Dokumentation zum Neumühl-Prozess (1979)

Neumühl-Prozess

Sie wissen genauso gut wie wir, daß Feste allzu häufig nach dem üblichen Schema ablaufen: zunächst beklemmende Anfangsstimmung, etwas steif und förmlich. Dann mit zunehmendem Alkoholkonsum lockern sich die Zungen und die Glieder; es wird getanzt. Dann plötzlicher Stimmungabfall, es wird noch ein wenig geschwätzt und gealbert, bevor man schließlich nach Hause geht.

Für die normalen Besucher gibt es kaum Möglichkeiten sich gestalterisch, aktiv am Ablauf des Festes zu beteiligen. Vir wollten es einmal anders versuchen, die Bedingungen dazu waren denkbar günstig: Anlaß dieser ganzen Überlegungen war der bevorstehende Abriß des Hauses, in dem Helmut und Herbert Stockhecke aufgewachsen und über 20 Jahre gelebt hatten. Eine Kette von Erlebnissen und Erinnerungen verbanden sich mit diesem Haus: hier in Neumühl haben wir uns in der Freizeit häufig getroffen. Hier hatten viele zum ersten Mal das Gefühl sich außerhalb des Elternhauses frei bewegen zu können. Viele von uns gingen in diesem Haus aus und ein, erlebten Feten, Streit, Diskussionen, Liebe und Spaß. Jetzt sollte das Haus abgerissen werden – eine letzte Gelegenheit mit all diesen Leuten ein letztes Fest zu feiern.

Die Wohnungen waren bereits geräumt und damit bestand die einmalige Chance die Wände zu bemalen, nicht auf Zigarettenasche achten zu müssen, sich austoben zu können. Und damit dieses Fest nicht in dem üblichen, gerade beschriebenen Schema abläuft, planten wir viele Aktionen. Wir besorgten Farbe, Pinsel, Federbetten, Blätter, Weihnachtsdekorationen, Kleider und Anzüge. Wir konstruierten eine Schaummaschine, die während der Fete ständig Schaum produzieren sollte. In einem Raum legten wir alte Klamotten aus, so daß alle die Möglichkeit hatten sich zu verkleiden. In einem anderen Zim-mer war der Boden mit Federn bedeckt.

Wir richteten einen „Radioaktivraum“ ein, in dem während des Festes durch brennende Wunderkerzen ein radioaktiver Unfall demonstriert werden sollte. Den Flur gestalteten wir wie eine Herbstlandschaft mit Blättern, Bäumen, Regenschirmen, Büschen…

Als Zeichen der Trauer über den bevorstehenden Abriß hängten wir eine schwarze Fahne aus dem Fenster, wie es in Neumühl beim Zechenabriß Tradition war. Es hat riesigen Spaß gemacht das alles vorzubereiten, noch größeres Vergnügen entstand, als die ersten erschienen und den Mund vor lauter Staunen nicht mehr zu bekamen.

Bevor wir jetzt mit der Beschreibung der Fete beginnen, wollen wir noch etwas zu den eingeladenen Personen sagen: Angesprochen war unser gesamter Bekanntenkreis, der sich aus unserer Vergangenheit (Schule, Ausbildung) und unserem Engagement im Esch-Haus, in der Bürgerinitiative gegen Atomanlagen, im Frauenzentrum, in der Selbsthilfe der Zivildienstleistenden und anderen Gruppen zusammensetzt.

in : Dokumentation zum Neumühl-Prozess (1979)